
Foto: Markus Kirchgessner
Es gibt sie noch, die guten Dinge ...
Eine kulinarische Entdeckungsreise durch die Sarthe mit viel Rosenlikör, Biogemüse, Pralinés und Rotwein.
Ein wenig zerstreut und doch fast liebevoll zerpflückt Eric Bucquet dal Molin eine Rose und streut die roten Blätter über den niedrigen Holztisch. „Was soll ich erzählen?“, fragt er, der mit seinen tiefen Stirnfalten, dem Bartschatten und der Aura unwirscher Einsamkeit an den Schauspieler Jean Reno erinnert. Und erzählt dann doch sehr viel: Wie er im Sommer täglich die Blüten seiner 500 Rosenstöcke schneidet, morgens, wenn der Tau gerade abgetrocknet ist. Wie er sie lagenweise mit Zucker in Eimer schichtet, nach fünf Jahren den Inhalt in Edelstahltanks mit Alkohol mischt. Wie er zwei Monate wartet, filtriert, umlagert und nach neun Monaten seinen berühmten Rosenlikör endlich auf Flaschen ziehen kann. Blüten von 2002 verarbeitet er in diesen Tagen, zu rund 1400 Liter Likör, der süße Schwüle und Schärfe zugleich auf der Zunge entfaltet: ein Geschmack nach Mandel, Ingwer, Zitronat, Gras ...
Monsieur dal Molin scheint die Zeit anzuhalten. Er lebt in einem weinüberwachsenen alten Bauernhaus zwischen roh verputzten Wänden, freiem Gebälk und einem offenen Kamin und stellt neben seinem Likör Rosengelees, Traubenkonfitüre und verschiedene Essige her. Sein Herz gehört der Renaissance. Seine verstorbene Frau war in einem Archiv auf ein Rezeptbuch vom Ende des 15. Jahrhunderts gestoßen. Zimtschnaps, Hustensäfte, Tinten, Suppenpulver – die Mischungen von damals mit heutigen Techniken und Zutaten auszuprobieren, das ist es, was ihn wirklich umtreibt.
Damit ist der ehemalige Musiker typisch für die eigenwilligen Köpfe, wie sie in der Sarthe zu finden sind, dem Gebiet um Le Mans, zwischen Loiretal und Atlantik südwestlich von Paris. Auch Jean Claude Evrard ist so ein Mensch. Der Bäcker hat in diesem Jahr gegen 150 Konkurrenten den Titel „Champion de France“ errungen – in Sachen Brioche. „Gutes Mehl, Butter aus der Normandie und viele Eier“, erklärt der Mann mit der ausdrucksvollen Mimik eines Charles Aznavour, „dann wird der Teig so weich wie ein Busen.“ Und drückt zärtlich den aufgeplusterten Weizenlaib.
Seine Heimat, das Städtchen Le Mans mit rund 140 000 Einwohnern, ist leider meist nur als Kulisse des berühmten 24-Stunden-Rennens bekannt. Wer vermutet dort schon eine der schönsten gotischen Kathedralen mit dem ältesten Kirchenfenster Frankreichs, die besterhaltene römische Stadtmauer Europas, reich verziert mit Rauten und Kreisen, und ein Ensemble großartiger Fachwerkhäuser aus dem 15. Jahrhundert?
Ebenfalls eine Touristenattraktion, wenn auch ganz anderer Art, ist der Biogarten, den der Pariser Drei-Sterne-Koch Alain Passard im nahen Fillé-sur-Sarthe vor fünf Jahren auf einem alten Landgut hat anlegen lassen. Eben laden zwei Frauen die tägliche Lieferung für das „L’Arpège“ in den Renault: kistenweise Staudensellerie, Paprika und Mangold. Weiße, gelbe, rosa und rot-weiß geringelte Rote Bete. Büschel von Salbei, Pfefferminze und Kapuzinerkresseblüten. Sylvain Picard, der Gärtner, kontrolliert die Ladung: Wo bleiben die Rettiche, die das Restaurant angefordert hat? Und was ist mit den fünf Gläsern Honig für die berühmten Mille-feuilles?
Der sonnenverbrannte junge Mann mit den warmen Augen ist gelernter Landschaftsgestalter und hat hier die Aufgabe seines Lebens gefunden: vier Hektar Biogarten, auf denen er pro Jahr 20 Tonnen Gemüse produziert. Mit dem ruhigen Selbstbewusstsein des Fachmanns führt er zwischen Artischocken und drei Meter hohem Topinambur hindurch, vorbei an Melde, duftendem Currykraut und blühendem Klee. Allein 13 Spargelsorten weist der Garten auf, unter Folie reifen neben armenischen Gurken und Zitronella aus Madagaskar 60 Varianten von Tomaten heran. Für schwere Arbeiten spannt Sylvain einen Kaltblüter vor den Pflug, er sät nach dem Mondkalender, gespritzt wird überhaupt nicht. Und was passiert, wenn ein Gemüse ganz ausfällt? „Das kommt vor“, gibt der Gärtner gelassen zu. „Dieses Jahr war ein schlechtes Kartoffeljahr. Deshalb gibt es im ,L’Arpège‘ nur selten Kartoffeln. Steinbutt steht ja auch nicht dauernd zur Verfügung.“
Es sind Menschen wie Sylvain, die eine kulinarische Reise durch das flache Land der Sarthe so interessant machen. Ob ihre Seele in den Produkten steckt, wie es manchmal heißt, sei dahingestellt. Auf jeden Fall fließen Erfahrung und handwerkliches Können hinein; der dauernde Zweifel am Erreichten und eine kleine Besessenheit, alles immer noch eine Spur perfekter hinzukriegen.
Da sind die köstlichen Pralinés eines Jacques Bellanger. In seiner Chocolaterie Béline basteln Arbeiter in weißen Hemden, braunen Schürzen und braunen Mützen Kuvertüre aus Kuba und Caracas mit selbst eingelegten Kirschen, Birnenschnaps und Meersalz zu süßen Sünden namens „Schubert“, „Malgache“ oder „Camille“ zusammen. Da ist die geschmorte Schulter vom Bioschwein, die die rührige Nadège Boulai in ihrem Bauernhof den Übernachtungsgästen kredenzt. Da gibt es das Putenrillette und die Hasenterrine, die die Bouins in ihrem Hofladen „Ferme de la Malvoyère“ in Gläser füllen – und die köstliche Entenleber. Die freilich schmeckt nur so lange, bis man mit angesehen hat, wie der freundliche Pierre Bouin einer eingesperrten Ente gleichmütig den Metalltrichter in den Schlund schiebt und Mais hinuntergleiten lässt. Das war’s dann mit Entenleber – au revoir, délicieux foie gras!
In La-Chartre-sur-le-Loir hat sich Ludovic Gigou dem Wein verschrieben. Das Städtchen am Loir, dem kleinen Bruder der Loire, kommt geradezu bilderbuchfranzösisch daher. Bäcker, Schlachter und Friseur gruppieren sich um die dreieckige Place de la République, morgens um acht gehen die hohen Lamellenläden auf, und im „Chez Miguel“ nehmen Maurer ihren ersten Café. Bis 1982 führte das Rennen von Le Mans durch den Ort, und in der fotogeschmückten Bar des „Hôtel de France“ erzählt so mancher gern, wie er 1969 geholfen hat, Jackie Ickx die Reifen zu wechseln.
Monsieur Gigou, mit grauem Pferdeschwanz und dem Gesicht des jungen Mimen Jean Marais, passt geradezu ideal hierher. 1974 kaufte er zwölf Hektar Weinberge samt dem dazugehörigen Tuffkeller und brachte sich selbst das Keltern bei. Jasnière heißt der Weiße aus der Chenin-Rebe, von dem er es in guten Jahren auf 35 000 Flaschen bringt: ein blassgrüner, frischer Wein mit vielfältigem mineralischem Grundton. Den Coteaux du Loir gibt es als Rosé, mit kräftigen Zitronenaromen und einer leichten Pfeffernote, während der Rote von 2006 aus Pineau d’Aunis noch recht ungestüm und rau auftritt. Charaktervolle, ungewöhnliche Weine sind es - nicht jedermann sofort gefällig.
Zu dem Essen, das Xavier Seuffert in der „Auberge de Matfeux“ in Arnage auf den Tisch bringt, würden sie passen. Ein Koch ganz in Schwarz, das ist ungewöhnlich genug. Vor 15 Jahren übernahm er das Restaurant von seinem Vater. Eine blaue Decke, zimmerhohe Fenster, rot gemusterter Teppichboden – und es passt doch. Ohnehin rückt alles Ambiente in den Hintergrund, sowie das Essen auf den Tisch kommt: Carpaccio von Champignons mit pochierten Austern - und die nicht zu knapp bemessen.
Gaumenschmeichelnde Ravioli, mit Langustinen gefüllt. Kalbsnierchen mit Kräutern an weißen Bohnen mit Kürbispüree … fünf exzellente Gänge für bescheidene 38 Euro. Den ganzen Nachmittag möchte man am Tisch residieren und sich im Viertelstundentakt verzücken lassen. Aber die Kellner haben bereits ihr feierliches Schwarz-Weiß gegen Jeans und T-Shirt getauscht und rücken scherzend auf ihren Mofas ab. Der Chef nimmt sich noch einen Moment Zeit. „Gute Produkte, und die nicht allzu sehr verändert“, das sei seine Philosophie, erklärt er. Das behaupten sie alle. Doch hier in der Sarthe halten sich einige endlich mal daran.
Text: Franz Lerchenmüller
Informationen:
www.france-voyage.com/de, weiter über „Pays de la Loire“ zu „Reiseführer“, Suchbegriff „Sarthe“
Informationen über den Fluss Sarthe unter www.frankreich-sued.de/wasser/sarthe/sarthe.htm
Übernachten:
Hôtel de France, F-72340 La Chartre-sur-le-Loir, Tel. 0033/243/44 40 16, DZ von 59 bis 71 Euro
La Ferme de Gorgeat, Michel et Nadège Boulai, F-41100 Aze, Tel. 0033/254/72 04 16, www.fermedegorgeat.com, DZ 51 Euro inkl. Frühstück
Restaurant:
Auberge des Matfeux, 289 avenue Nationale, F-72230 Arnage, Tel. 0033/243/211 07, www.aubergedesmatfeux.com
Ausgewählte Produkte:
Weine von Gigou, 4, rue des Caves, F-72340 La Chartre-sur-le-Loir, Tel. 0033/243/44 48 72, www.gigou.herce.eu
Rillettes von der Ferme de la Malvoyère, Gaec Bouin, F-72340 Chahaignes, Tel. 0033/243/44 46 19, www.lamalvoyere.com
Brot von J. C. Evrard, 5, rue du Docteur Leroy, F-72000 Le Mans, Tel. 0033/243/242050
Rosenlikör von Eric Bucquet dal Molin, Le Petit Chesnay, F 72110 Torcé en Vallée, Tel. 0033/243/511548
Pralinen aus der Boutique Béline, 5, place St Nicolas, F-72000 Le Mans, Tel. 0033/243/28 00 43, www.jacques-bellanger-chocolatier.com