Käse-Paradies Deutschland
In puncto Käsevielfalt brauchen wir uns hinter unseren französischen und italienischen Nachbarn nicht zu verstecken. Vieles gilt es erst noch zu entdecken.
Alles Käse!
Jedes Jahr im Juni treffen sich auf dem Gelände des Freilichtmuseums Kiekeberg südlich von Hamburg an die 70 Hofkäsereien, Käseveredler und -händler, überwiegend aus Nord- und Ostdeutschland, zum „Käsemarkt“. Einige tausend Besucher probieren, staunen und kaufen, was es Neues und Altes an Käse gibt. War vor zwei Jahren Bärlauchkäse der Renner, so in diesem Jahr Käse mit Bockshornklee. So ziemlich alles, was an wohlschmeckenden Küchenkräutern bekannt ist, wird in Frisch-, halbfestem Schnitt- sowie Hartkäse verarbeitet: Schnittlauch, Knoblauch, Paprika, Basilikum, Kümmel, schwarzer Pfeffer – und so weiter, und so weiter.
Neuen deutsche Käsevielfalt
Neben dieser etwas zweifelhaften modischen Vielfalt an gewürztem Käse kann man aber auch Sorten (wieder-)entdecken, die über viele Jahre fast verschwunden oder nur regional und sehr begrenzt bekannt waren: Dersauer Bauernkäse und Dersauer Mühlrad, Jithofer Butterkäse und Roter Davidsberg, Tecklenburger Hosenknöpfe, Deichgrafkäse, Roter Rögnitzer, alter Friesländer Geburtstagskäse, in Folie gereifter Ziegenhartkäse, Boddenkäse, Kleiner Störtebeker und Stubnitzer von der Insel Rügen, friesischer 5-Sprachen-Käse und Biikesäis (Rauchkäse) etc.
Das Schöne an dieser neuen deutschen Käsevielfalt ist, dass die meisten von kleinen Hofkäsereien stammen. Das heißt, die Bauern verarbeiten meist nur Milch von eigenen Kühen, Schafen oder Ziegen – rohe, nicht erhitzte und nicht behandelte Milch von Tieren, die überwiegend auf der Weide leben und nur im Winter mit Heu gefüttert werden. Für die meisten Bauern sind Silage-, Kraft- und Mastfütterung ebenso tabu wie die Behandlung der Tiere mit Antibiotika. In der Käseherstellung wird nur natürliches Lab verwendet, gänzlich verzichtet wird auf die Verwendung chemischer Zusätze wie Farbstoffen, Konservierungsmittel und Enzymen. Schließlich reifen die Käse in eigenen Kellern auf Naturholzregalen. Das bedeutet in der Regel zwar mehr Arbeit und geringeren Ertrag, doch der Käse dankt es mit unvergleichlichem Geschmack, der nichts mit dem industriell produzierten Plastikkäse gemein hat.
Köstliche Delikatessen
Frankreich verfügt über 42 Käsesorten, die das AOC-Siegel tragen. Das heißt, dass diese nur in einer bestimmten Region auf eine ganz spezielle handwerkliche Art hergestellt werden. In Italien haben 31 Sorten eine geschützte Ursprungsbezeichnung, in Griechenland 20, in Spanien 18, in Portugal 12 und in Großbritannien 11. In Deutschland sind es gerade mal vier: Allgäuer Bergkäse und Emmentaler, Altenburger Ziegenkäse und Odenwalder Frühstückskäse. Dabei gibt es noch viele andere deutsche Käsespezialitäten, die in keinem anderen Land der Welt zu finden sind: der ursprünglich aus Ostpreußen stammende Tilsiter, der heute in ganz Norddeutschland hergestellt wird; Holsteiner Lederkäse, von dem schon Theodor Storm geschwärmt hat; Harzer und Mainzer Handkäse mit und ohne Musik; bayerischer Weißlacker, auch Bierkäse genannt; Würchwitzer Spinnenkäse aus Sachsen-Anhalt, bei dem unzählige winzig kleine Milben Quarkbällchen in eine köstliche Delikatesse verwandeln, süddeutscher Schichtkäse, dem unterschiedlich fette Schichten Frischkäse ein besonders zartes Aroma verleihen – und so weiter, und so weiter…