
Foto: La Réunion Tourisme
Oh du Herrliche!
Die Küche auf La Réunion ist von indischen, chinesischen, afrikanischen und europäischen Einflüssen geprägt. Sie übertrifft noch die höchsten Erwartungen.
Im Jardin des Parfums et des Épices von Herrn Fontaine herrscht Stolpergefahr. Nicht, dass Steine im Weg lägen – die Wohlgerüche machen taumelig. 1500 Arten von Pflanzen hegt Patrick in seinem subtropischen Privatdschungel, und die meisten von ihnen riechen schon unverarbeitet ganz und gar atemberaubend nach Parfüms und Gewürzen.
Geradezu nervenaufreibend gut duftet es rund um den Tisch, auf dem Fontaine sein Lieblingsgewürz präsentiert: Vanilleschoten. Vierzig verschiedene Duftstoffe entwickeln sie während ihres Veredelungsprozesses, und diese hier, darauf besteht er, sind die aromatischsten und besten der Welt. Kein Wunder, die Insel, auf der man gerade steht, ist ihre Heimat. Und dabei befinden wir uns mitten in Europa.
Politisch ist die ehemalige Île de Bourbon, die heute La Réunion heißt, nichts anderes als ein französisches Department 800 Kilometer östlich von Madagaskar. Was die Landschaft, die bunt gemischte Bevölkerung und die Esskultur angeht, ist es so, als hätte der Schöpfer von all den schönsten Dingen, die ihm gelungen sind, ein kleines Muster auf dem Eiland deponiert. Hier wird eine Küche gepflegt, für die das Prädikat „lohnt einen Umweg“ geradezu eine Demütigung wäre: Sie lohnt die ganze Reise.
Das gilt ohne jede Einschränkung für all das, was den Gästen auf der Terrasse des zum gleichnamigen Hotel gehörenden Restaurants „Le Saint Alexis“ in Saint-Gilles-Les-Bains widerfährt. Schon die Aussicht zaubert ein Lächeln aufs Gesicht, das noch lange halten soll. Mit dem Aperitif in der Hand darf man dösend dem Indischen Ozean zusehen, wie er 50 Meter weiter am Strand leckt. Nur die Küche wagt das Idyll zu stören und lässt eine Entenrillette mit frischem Thymian und Kräutersalat auffahren.
Die oft zitierte These, dass Fett ein unverzichtbarer Geschmacksträger sei, will bei dieser Vorspeise gar nicht einleuchten – die verblüffend aromatische Rillette wird so abgemagert serviert, dass man sie bedenkenlos bei 25° Celsius im Schatten verzehren mag. Auf dem anderen Teller Scheiben von Fischen aus dem Meer vor der Nase, ganz und gar perfekt und zur Konsistenz ihres Fleisches passend geräuchert. Man fragt sich, warum dazu eine mit Martini aromatisierte Creme serviert wird, kostet – und hat die Antwort: Sie passt ganz hervorragend zu dem salzigen Fisch.
Das soll nicht die letzte Überraschung gewesen sein. Eine Entenbrust vom Grill, mit knuspriger Haut, die nach Honig und Bourbon-Vanille duftet, den Fleischsaft beim Garen aufgefangen und mit Kurkuma zum Jus veredelt, schmeckt so gut, dass der Essende beim Kauen nur dankbar den Kopf schüttelt.
Ebenfalls vom Grill ein Bananenthunfisch-Filet, so sorgsam zubereitet, dass es außen ein sattes Braun zeigt und im Inneren genauso zart und saftig ist, wie man es schon immer mal auf der Zunge haben wollte. Spätestens dann, wenn man das Strandgut auf dem Teller, einen Cake aus schwarzen Oliven, ein Fenchelmus und ein Schälchen mit leichter Knoblauchcreme, entdeckt hat, beschließt man, diesen Ort nie wieder zu verlassen.
Dazu besteht fürs Erste auch nicht der geringste Anlass, denn während man durch die Palmen auf den Horizont staunt, laufen die Zauberer in der Küche zu Höchstform auf. Bald erscheint eine kalte Minestrone aus frischen Früchten mit Minze, Zimt und einem Ananassorbet. Das begeisterte Kindergeschrei, das zufällig in diesem Moment ertönt, gilt den 100 Meter weiter auftauchenden Buckelwalen. Den Köchen des Saint Alexis ein ganz großes Kompliment.
Wer jetzt keine Bewegung braucht, braucht nie mehr welche. Im geschäftigen Städtchen Saint-André, eine gute Autostunde entfernt, wartet Madame Sabine. Vielmehr steht sie gerade vor einem salatschüsselgroßen Mörser und zerstößelt ein gutes Pfund Knoblauchzehen. „Die Ziege braucht das!“, sagt Sabine und deutet auf einen riesigen Topf über offener Gasflamme, in dem Ziegenfleisch in kleinen Stückchen vor sich hinschmort. Madame Sabine kocht traditionell kreolisch – mit Leib, Seele, Knoblauch, jeder Menge Gewürzen und Erfolg. „Ich nehme nur Fleischstücke mit Knochen, sonst schmeckt die Soße wie im Hotel.“
Ihre Mengenangabe für die Kurkuma ist bestechend: „Zwei große Hände voll und dann die gleiche Menge noch mal hinterher, sonst schmeckt die Soße wie im Hotel.“ Der Gegner scheint klar zu sein. Wir verraten nicht, wo wir wohnen, und Sabine schüttet ihr Herz aus: Ihre ganze Liebe gehört ihrer Tochter und der Pflege des traditionellen kreolischen Cari, das gerade im Topf schmort. Sie röstet Knoblauch, Zwiebeln, Thymian, Tomaten, Kurkuma und andere Gewürze zusammen mit Salz und Pfeffer. Das muss! Ob dann Fleisch, Fisch, geräucherte Würste oder auch nur Gemüse in den Schmortopf wandern, kann man nach Lust und Laune entscheiden.
Sabine serviert das Ziegenragout in einem großen Speisesaal, der neben ihrer Küche prunkt. Das Fleisch ist so zart wie Sabines Blick, als sie uns zulangen sieht, und die Soße in der Tat eine würzige safrangelbe Herrlichkeit. Ihre Gäste nehmen weite Wege auf sich, um diese kreolische Tradition zu erleben. Sie sollten Appetit mitbringen: Wenn ein Esser vor den Schüsseln voller Cari, Reis und Linsen zu kapitulieren droht, sitzt Madame neben ihm und erklärt, warum es wichtig ist, alles aufzuessen: Damit sie sicher sein kann, dass es geschmeckt hat.
Das allerdings ist eine Sorge, die man sich auf der ganzen Insel getrost sparen kann: Am Straßenrand über Holzkohle gegrillte Hühner und Satéspießchen, die mit leuchtenden Obstbergen um die Wette duften, Ziegenkäse, der die leichte Süße der Inselkräuter auf ein Stück Brot zaubert, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, die hier Samoussas heißen, daumengroße Blutwürste, mit Zimt, Rosinen und manchmal Rum gewürzt, scharfe gebackene Fischklößchen, in der Abendsonne zu einem Glas Bier gereicht – wer sich aufmacht, um Genuss zu suchen, der findet auf La Réunion sein Paradies.
Text: Hans Kantereit
Gute Adressen auf La Réunion
Chez Sabine, 120, ruelle de la Poste/Cambuston, 97440 Saint-André, Tel. +262(0)262 46 12 51, www.chez-sabine.fr
Hotel**** & Restaurant Le Saint Alexis, 44, route de Boucan Canot, 97434 Saint-Gilles-Les-Bains, Tel. +262(0)262 24 42 04, www.hotelsaintalexis.com
Le Jardin des Parfums et des Épices, 7, chemin forestier Mare-Longue, 97442 Saint-Philippe, Tel. +262(0)262 37 06 36, fontaine.patrick.e@orange.fr
Palm Hotel**** Spa, Grand’Anse, 97429 Petite-Île, Tel. +262(0)262 56 30 30, http://palm-hotel-spa.iloha-co.fr
Restaurant La Cayenne, 317, Ravine Glissante, 97439 Sainte- Rose, www.ferme-auberge-lacayenne.fr
Wochenmarkt Saint Paul, freitags und samstags lebhafter, bunter Wochenmarkt direkt an der Uferpromenade