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STIPPVISITE
Die Prager Kneipen laden zum Verweilen ein, von denen viele im Sommer auch auf dem Bürgersteig zu Tisch bitten.
Foto: Kolkovna / Olympia
Prag bittet zu tisch
In den letzten Jahren überrascht die „Nouvelle Cuisine tchèque“ in der tschechischen Hauptstadt Prag Gäste mit ungewöhnlichen kulinarischen Kreationen, die Traditionelles mit Avantgardistischem verbinden.


Wie alle großen bekannten Städte ist auch Prag ein Universum mit vielen Gesichtern. Man lernt es nur oberflächlich kennen, wenn man es auf den Trampelpfaden des Tourismus erkundet. Natürlich sollte man die Karlsbrücke überquert haben und durch die Innenhöfe der Prager Burg geschlendert sein – am besten tut man es nach dem Abendessen, da hat man Muße zum Schauen.

Auch in der Nerudova-Straße, die von der Moldau zum Hradschin hinaufführt, lassen sich die historischen Fassaden und Hauszeichen ganz ungestört studieren, wenn am Abend der Ansturm der Besuchergruppen abgeebbt ist. Die ganze Kleinseite entfaltet dann ihren unaufdringlichen barocken Charme.


Nicht nur der tschechische Humor, der sich ansonsten meist im Soldaten Schwejk inkarniert, unterscheidet Prag von anderen Hauptstädten, sondern auch seine Konzerte und seine Kneipen schaffen ein spezifisches Kolorit. Tschechische Musikalität manifestiert sich in klassischen Tonhallen ebenso wie in Jazz-Lokalen oder am Straßenrand, und für die Kneipen gilt vor allem: nur nicht dort hingehen, wo die Touristen unter sich sind.

Das exzellente Pilsner oder Budweiser Bier schmeckt nirgends so gut wie im Land seiner Herkunft, und auch die traditionsreiche böhmische Küche hat sich wieder von den Verheerungen der kommunistischen Gleichmacherei erholt. Junge Köche haben nach Lehrjahren im Ausland gar eine Art „Nouvelle Cuisine tchèque“ kreiert – nach klassischer Art, jedoch mit sehr viel weniger üppigen Gaben an Fett, Zucker und Mehl. Von der gemütlichen Bohème-Kneipe über das coole Kult-Ambiente bis zum Altprager Prachtlokal und zum prämierten Spitzenrestaurant findet sich ein breites Angebot.

Eine der Neuheiten ist das „Lokál“ im früheren Juden-Ghetto, das wegen seines hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnisses und seiner modernistischen Ausstattung besonders bei jungen Leuten beliebt ist. Die klassische böhmische Küche ist hier konsequent in die Gegenwart überführt, und doch vermitteln Hühnerbrühe, kross gebratenes Karpfenfilet oder duftig-lockere Dukatenbuchteln mit Vanillesauce auf Anhieb eine starke Vorstellung von ihr.

Gleich nebenan liegt „La Degustation Bohème Bourgeoise“, das durchaus teure, aber im tschechischen Restaurant-Ranking des Food-Kritikers Pavel Maurer auf Platz eins geführte Spitzenrestaurant. Hier wird böhmische Küche in sieben Gängen mit sieben Amuse-bouches und sieben mährischen Weinen aromatisch auf ihre innerste Essenz verdichtet. Der Starkoch Oldřich Sahajdák beruft sich auf die berühmte Kollegin Marie B. Svobodová, die 1880  mit ihrer Kochschule ein kulinarisches Leitbild für ganz Mitteleuropa schuf.

Eine Vorstellung von einstiger Prager Bürgerlichkeit vermittelt das Restaurant „U modré kachničky“ (Zum blauen Entchen) auf der Kleinseite, durch seine Einrichtung ebenso wie durch seine Spezialitäten: altböhmische Suppen und Ente in allen Variationen. 

Text: Klaus Brill

 

Gute Adressen

Hotel:
Dum ů velké boty (Haus zum großen Stiefel), Vlašská 30, im historischen Gebäude gegenüber der deutschen Botschaft. Die Betreiber sind sehr freundlich und hilfsbereit. www.dumuvelkeboty.cz,
Tel. 00420/2/57 53 20 88

Gemütliche Künstlerkneipe unweit des Hradschin am Berg:
U zavěšenýho kafe (Zum aufgehängten Kaffee), Úvoz 6, mit prachtvoll-bizarrem kulturhistorischem Prag-Panorama des Malers Jakub Krejči an der Wand.

Im gleichen Stil das in der Nähe gelegene kleine Restaurant  Adivadlo pokračuje (Und das Theater geht weiter), Loretánská 13


Solide böhmische Kost in lebhaftem, angenehmem Ambiente:

  • Olympia, nahe der Moldau unweit Újezd in Vitězná 7
  • Kolkovna, im jüdischen Viertel, V Kolkovně 8
  • U Glaubiců, am Hauptplatz der Kleinseite, Malostranské náměstí 5
  • Lokál, im jüdischen Viertel, Dlouha 33
  • La Degustation Bohème Bourgeoise im jüdischen Viertel, Haštalská 18
  • U modré kachničky, Nebovidská 6, beim Hotel „Mandarin Oriental“.


Im Wiener Picus-Verlag hat Klaus Brill, der als Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“ in Prag lebt, gerade ein Buch über Prag veröffentlicht: Lesereise „Prag – Auf der Karlsbrücke nachts um halb eins“ (132 Seiten, 14,90 Euro).