
Foto: Maik Schuck
Anna Amalia Bibliothek in Weimar
Vor rund 250 Jahren errichtet, vor einiger Zeit ausgebrannt und aufwändig restauriert, ist der prächtige Rokokobau seit Ende 2007 wieder der Öffentlichkeit zugänglich.
Als es in der Nacht vom 2. September 2004 brannte, kamen die Bürger zuhauf – nicht zum Gaffen, sondern zum Helfen. In Flammen stand eines der Kleinode der deutschen Kulturgeschichte: Weimars herzogliche Bibliothek, die seit 1991 den Namen ihrer bedeutendsten Patronin trägt, die Anna Amalia Bibliothek.
Das Ausmaß des Schadens war bestürzend: Rund 50 000 Bücher waren verbrannt, darunter unersetzliche Unikate aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Weitere 62 000 Bände waren durch Feuer und Löschwasser auf das Schwerste beschädigt worden. Überwältigend war die Hilfsbereitschaft nach der Katastrophe: Aus aller Welt kamen Spenden, und in einem eindrucksvollen Kraftakt gelang es der Stiftung Weimarer Klassik, das Bibliotheksschlösschen mit seinem berühmten weiß-goldenen Galeriesaal wiederherzustellen und pünktlich zum 200. Todestag Anna Amalias Ende 2007 der Öffentlichkeit erneut zugänglich zu machen.
Indes wird es noch Jahrzehnte dauern, den Bestand der klassischen Universalbibliothek so weit wie überhaupt möglich durch Restaurierung der zwischenzeitlich tiefgekühlt lagernden „Schadensfälle“ und Ankäufe auf dem internationalen Antiquariatsmarkt zu rekonstruieren. Und auch danach wird man nur noch bedingt davon sprechen können, dass dies die Bibliothek sei, mit deren Büchern die großen deutschen Dichter Wieland und Goethe, Schiller und Herder einst gearbeitet haben.
Unwissentlich hatte Anna Amalia die von ihr wesentlich vergrößerte Sammlung vor einer ersten Feuersbrunst bewahrt, die 1774 das Weimarer Residenzschloss einäscherte: Denn in den 1760er Jahren hatte sie das im Stil der Renaissance erbaute „Grüne Schloss“ restaurieren und zur Bibliothek umgestalten lassen. Es entstand ein Rokoko-Büchergehäuse, das den kriegerischen Zeitläufen zum Trotz heiter und hell den Geist der Aufklärung widerspiegelte.
Als „ein allerliebstes, vortreffliches, aber indefinibles Wesen“ charakterisierte Goethe seine Gönnerin Anna Amalia, der es nicht an der Wiege gesungen war, als Persönlichkeit wie als Symbolgestalt einen herausragenden Platz in der Kulturgeschichte einzunehmen. Geboren 1739 als fünftes Kind des braunschweigischen Herzogpaars Karl I. und Philippine Charlotte, erlebte Anna Amalia eine freudlose Kindheit. „Nicht geliebt, von meinen Eltern zurückgesetzt … nannte man mich nur den Ausschuss der Natur“, schrieb sie später in einem Rückblick auf ihr Leben, und entsprechend glanzlos fiel auch die dynastisch eingefädelte Eheschließung aus. Noch 16-jährig wurde sie mit dem Herzog von Sachsen-Weimar-Eisenach verheiratet.
Das junge Paar erfüllte rasch seine allererste Pflicht, indem es die weitere Erbfolge sicherte, doch noch vor der Geburt des zweiten Sohnes verließ der kränkelnde Herzog das irdische Jammertal. Damit stand die selbst noch unmündige Landesmutter vor kaum lösbaren Problemen. Nur mit Mühe gelang es der Nichte Friedrichs des Großen, das Staatsschiffchen des hoch verschuldeten Herzogtums bis zur Volljährigkeit ihres Sohnes Carl August über Wasser zu halten.
Es ist eine Legende, dass Anna Amalia das Land reformiert und ihrem Sohn wohlgeordnet übergeben habe. Dessen ungestümer Geheimer Rat Goethe befand die Verhältnisse 1776 schlicht als „scheißig“. Auch einen „Musenhof“ vermochte sie während ihrer Regentschaft nicht zu installieren, doch gelang ihr mit der Berufung Christoph Martin Wielands als Prinzenerzieher eine entscheidende Weichenstellung. Der Dichter charmierte nicht nur die junge Witwe in allen Ehren, sondern inspirierte auch Carl August. Keine Legende ist Goethes Würdigung der Herzogin als Bewahrerin „ihrer“ Bibliothek: „Erhabenes verehrend, Schönes genießend, Gutes wirkend“.
Herzogin Anna Amalia Bibliothek: Platz der Demokratie 4, 99423 Weimar. Für Einzelbesucher geöffnet von Di–So 10–15 Uhr, Mo geschl.; Preise inkl. Audioguide und Kulturförderabgabe Erw. 6,50/erm. 5,50 Euro, Schüler 3 Euro.
Tickets für Einzelbesucher und Gruppen können über die Besucherinformation gebucht werden. Aufgrund der limitierten Besucherzahlen ist eine vorherige Buchung empfehlenswert: Klassik Stiftung Weimar, Besucherinformation (Mo–Fr von 10–16 Uhr), Frauentorstr. 4, Tel. 036 43/545-401/-402 /-403, Fax 41 98 16; info@klassik-stiftung.de
Verschiedene Weimarer Hotels bieten die Möglichkeit, pauschal zwei Übernachtungen und den Besuch der wiedereröffneten Bibliothek zu buchen. Mehr Infos unter www.weimar.de