Azulejos - Fliesen aus Portugal
In Lissabon begegnet man ihnen auf Schritt und Tritt – in Fluren, an Hauswänden und Brunnen: Azulejos, den aus weißem Ton gebrannten und farbig bemalten Fliesen. Dabei sind sie gar keine portugiesische Erfindung, sondern ein Erbe der Mauren.
Cerâmica Constância
Don Francisco de Almeida ist ein freundlicher älterer Herr, ein Mensch, dem man gerne zuhört, wenn er in fast perfektem Deutsch von „seiner“ Firma erzählt, der Fabrica de Cerâmica Constância. 1963 hat er den Betrieb im Lissaboner Stadtteil Lapa zusammen mit seinem Bruder Lorenzo gekauft. Seit 1836 werden dort Fliesen bemalt und gebrannt, und noch heute finden sich in den Musterbüchern der Firma Ornamente und Motive aus der damaligen Zeit. Nicht nur das – sie werden heute im Prinzip noch genau so produziert wie früher: Weißer Ton wird in viereckige Formen gefüllt und im Ofen gebrannt. Früher mühsame Handarbeit, übernehmen Maschinen dies heute viel schneller und exakter. Trotzdem: Es gibt immer noch eine große Nachfrage nach manuell geformten Fliesen, die wegen ihrer kleinen Unregelmäßigkeiten lebendiger wirken als maschinell produzierte.
Echte Handarbeit
Bis in die 70er Jahre hinein hat die Cerâmica Constância ihre Fliesen noch selbst hergestellt. Doch mit zunehmender Verkehrsdichte wurde es immer schwieriger für die Lastwagen, den Ton durch die verwinkelte Altstadt zu transportieren. Heute werden die Fliesen fix und fertig angeliefert – überwiegend aus einer Fabrik im Norden Portugals. Das ist mittlerweile kostengünstiger, als sie selbst herzustellen. In der Firma werden die Fliesen mit einer weißen Glasur überzogen. Dabei gilt: Je mehr Blei die Glasur enthält, desto glänzender wird sie später einmal, reißt aber auch leichter. Feine Haarrisse finden sich in fast allen traditionell hergestellten Fliesen – sie lassen sich nicht vermeiden, aber gerade sie verleihen ihnen auf natürliche Weise eine antike Note. Erst nach der Glasur (noch ungebrannt) folgt die Arbeit, die aus weißen Fliesen Azulejos macht: das Bemalen. Auch heute geschieht dies noch überwiegend in Handarbeit. Selbst einfarbige Fliesen werden mit einem breiten Pinsel bemalt. Die leicht unregelmäßige Struktur ist es, die ihren Charme gegenüber der Industrieware ausmacht. Geometrische Ornamente entstehen, indem eine Schablone auf die Fliese gelegt und die frei bleibende Fläche mit dem Pinsel ausgemalt wird.
Mosaiksteinerfinder: die Mauren
Die fertig bemalten Fliesen kommen schließlich in den Ofen, wo sie – je nach Farbe – bei 850° bis 980° Celsius sechs Stunden lang gebrannt werden. Dies ist der heikelste Teil der Produktion, denn zu schnelles Erhitzen oder Abkühlen lässt das Material zerspringen. Die Farben bestehen übrigens aus Metalloxyden, so dass erst nach dem Brennen die kräftige Farbe entsteht. Azulejos (vom arabischen „az-zuleycha“ = Mosaikstein und nicht vom spanischen beziehungsweise portugiesischen „azul“ = blau“) sind eine Erfindung der Mauren, die sie im 14. Jahrhundert in Spanien einführten. Als jene im 16. Jahrhundert das Land verließen, übernahmen die Spanier deren Kunst und verfeinerten sie. Von den Spaniern wiederum übernahmen die Portugiesen die Technik und brachten es darin zu wahrer Meisterschaft.
Nachfragen aus aller Welt
Die unnachahmliche Qualität der Constância-Azulejos ist weit über die Grenzen Portugals hinaus bekannt. Kunden aus ganz Europa, Lateinamerika und den USA bestellen bei der kleinen Lissaboner Werkstatt, wenn sie etwas ganz Besonderes haben wollen. So haben auch die Mitarbeiter von Miele Deutschland Don Francisco de Almeida damit beauftragt, ein Wandgemälde zum hundertjährigen Firmenjubiläum anzufertigen. Es zeigt die beiden damaligen Firmeninhaber Rudolf Miele und Dr. Peter Zinkann und ist unterschrieben von allen Mitarbeitern in Deutschland. Es gibt aber auch noch eine andere Beziehung zwischen den beiden traditionsreichen Betrieben: Seit rund dreißig Jahren ist Miele mit einer Niederlassung in Lissabon vertreten. Alle dort ausgestellten Küchen sind mit Constância-Fliesen versehen. Für die Portugiesen haben die Küchen von Miele einen ebenso guten Ruf wie die Azulejos von Constância.
Und wie sieht die Zukunft aus? Don Francisco de Almeida lächelt: „Wir verkaufen heute mehr handbemalte Fliesen als solche, die mit Schablonen oder im Siebdruck hergestellt werden.“