
Foto: Staatl. Porzellan-Manufaktur Meissen
Der Reiz des weißen Goldes
Vor 300 Jahren gelang in Dresden der erste Brand von weißem Porzellan in Europa. Damit wurde eines der großen Geheimnisse des Fernen Ostens gelüftet.
„La maladie de porcelaine“, die Porzellankrankheit, stellte August der Starke bei sich fest – eine höchst zutreffende Selbstdiagnose des sächsischen Kurfürsten und polnischen Königs. Mehr als alle anderen Potentaten war er dem Reiz des „weißen Goldes“ erlegen, das seit dem ausgehenden Mittelalter in Europa heiß begehrt war. Als besondere Kostbarkeit hüteten die Fürsten ihre aus China stammenden Stücke in ihren Kunstkabinetten und Wunderkammern.
Den ersten, bis zum Abstrusen phantastischen Bericht über den edelsten keramischen Werkstoff lieferte der venezianische China-Reisende Marco Polo Ende des 13. Jahrhunderts: „Sie sammeln eine bestimmte Erde ... tragen sie zu einem großen Haufen zusammen und setzen sie dem Wind, dem Regen und der Sonne aus. Das dauert dreißig oder vierzig Jahre, währenddessen sie nicht angerührt wird. Danach ist sie geläutert und kann zu Gefäßen verarbeitet werden.“
Nach der Erschließung des Seeweges nach China gelangten neben Luxusgütern wie Tee, Seide und Lackarbeiten auch Porzellanobjekte in größerer Menge nach Europa – gerade eben so viele, um danach eine wahre Manie unter den Fürsten und Adligen zu entfachen. Allein August der Starke soll schon im ersten Regierungsjahr 100 000 Taler für Porzellan ausgegeben haben. Kein Wunder also, dass sein wissenschaftlicher Berater Tschirnhaus kopfschüttelnd China „Sachsens porzellanenen Schröpfkopf“ nannte.
Nicht nur diese Ausschweifung strapazierte die Finanzkraft des Landes. Hinzu kamen die enormen Schmiergelder, mit denen August die polnische Königswürde erkaufte, und die Kosten des Großen Nordischen Krieges gegen Karl XII. von Schweden. Mit allen Mitteln also war Geld zu beschaffen. So traf es sich gut, dass der „Goldmacher“ Johann Friedrich Böttger vor den Nachstellungen des preußischen Königs nach Sachsen geflohen war. August ließ ihn sofort festsetzen, nach Dresden bringen und in seine Dienste zwingen.
Gewiss war dies eher der Beginn einer „liaison dangereuse“ als der einer großen Freundschaft, aber in jedem Fall hatten der König und sein Alchimist Glück miteinander: Zwar gelang es Böttger natürlich auch in Dresden nicht, das Arkanum zu finden – den „Stein der Weisen“, mit dem sich unedle Metalle in Gold verwandeln ließen. Aber im März 1709 konnte er nach jahrelangem Forschen und Experimentieren seinem Zwingherrn vermelden, erstmals echtes weißes Porzellan gebrannt zu haben.
Schon im folgenden Jahr wurde auf der Albrechtsburg in Meißen die erste europäische Porzellanmanufaktur gegründet, und bis kurz vor Böttgers frühem Tod (1719) blieben die Staatsgeheimnisse von Masse, Farbgebung und Bränden gewahrt. Indes, kein Monopol währt ewig, und die weitere Geschichte des Porzellans im 18. Jahrhundert ist nicht zuletzt auch ein Wirtschaftsthriller – gewürzt mit Spionage und Verrat, Abwerbung und Nötigung, Geldgier und Schäbigkeit.
Als erstes Konkurrenzunternehmen entstand 1718 als kaiserlich privilegiertes Privatunternehmen die Wiener Porzellanmanufaktur, die Meissen wegen der hohen Qualität ihrer Malerei bald in Bedrängnis brachte. Von dort unzufrieden abziehende „Porzelliner“ verbreiteten die Produktionsgeheimnisse, wovon unter anderem die Gründungen in Nymphenburg und Fürstenberg profitierten. Friedrich der Große hingegen verschleppte die Fachkräfte für seine Berliner Manufaktur ohne Federlesen als Kriegsbeute aus Meißen.
Unter einem besonders günstigen Stern entstand als dritte Gründung 1737 die Manufaktur des Marchese Carlo Ginori in Doccia vor den Toren von Florenz. Der Patron war in diesem Fall weder ein raffzähniger Alleinherrscher noch ein finanzieller Windhund, sondern ein umfassend gebildeter, reicher Diplomat und Praktiker der Frühaufklärung. Akribisch studierte er die zur Keramikherstellung geeigneten Erden, sammelte bildhauerische Formen und zeichnerische Muster, warb aus Wien Maler und Ofentechniker ab. Vor allem aber sorgte er für die Weitergabe der Kenntnisse durch qualifizierte Ausbildung seiner Arbeiter – eine unternehmerische Klugheit, die Ginori die Krisen anderer Manufakturen ersparte.
Die Tafelgeschirre und Figuren der Manufakturen waren und sind solitäre Luxusobjekte für Kenner und Liebhaber. Auch wenn das Arkanum heute nur noch in den individuellen Nuancen besteht, in denen sich Scherben und Farben voneinander unterscheiden, ist der künstlerische, handwerkliche und materielle Aufwand bei der Herstellung nicht geringer geworden.
Allein die Produktion der Masse ist ein langwieriger Vorgang: Die durch Schlämmen gereinigte Porzellanerde Kaolin wird mit gemahlenem Feldspat und Quarz vermischt und lagert dann rund zwei Jahre zum „Mauken“ ab – ein Gärungsprozess, der die Formbarkeit fördert. Vor der Verarbeitung wird das Material in einer Masseschlagmaschine nochmals durchgewalkt, um Lufteinschlüsse herauszutreiben und die Geschmeidigkeit zu erhöhen. Diese Rohmasse wird in der Dreherei oder, zum Schlicker verdünnt, in der Gießerei geformt. Dann werden Gussnähte geglättet, Henkel angarniert, frei modellierte Zierelemente aufbossiert und einzeln hergestellte Formstützen montiert, die Verformungen während des Trocknens verhindern.
Nach dem Trocknen der Stücke folgt der Schrühbrand, in dem das Material formfest wird, aber porös bleibt, um die Glasur aufnehmen zu können. Der zweite Brand setzt das Porzellan im Scharffeuerofen bei 1400 Grad einem 36-stündigen Inferno aus, in dem die Masse um etwa 16 Prozent schwindet, sintert und ihren Glanz gewinnt. Da nur wenige Farben diesen Temperaturen standhalten, kann erst danach die polychrome Bemalung erfolgen, die bei 800–900 Grad eingebrannt wird. Vergoldungen müssen wiederum separat gebrannt und anschließend poliert werden.
Dieses aufwändige Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft, Können und Erfahrung hat nicht nur seinen Preis, sondern auch seinen Wert: Es schafft eine der elegantesten Ausprägungen zeitlos distinguierter Lebensführung.
Text: Thomas Held
Informationen
Porzellanmanufaktur Fürstenberg, www.fuerstenberg-porzellan.com
Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, www.kpm.de
La Manufacture de Sèvres, http://manufacturedesevres.culture.gouv.fr
Staatl. Porzellan-Manufaktur Meissen, www.meissen.de
Porzellan Manufaktur Nymphenburg, www.nymphenburg.com
Richard Ginori, www.richardginori1735.com
Royal Copenhagen, www.royalcopenhagen.com