
Foto: Regine Smith Thyme
Die Wunderkammer am See
Das Buchheim Museum zeigt neben Meisterwerken des Expressionismus eine Menge Kuriositäten.
Er war leidenschaftlicher Sammler, Maler, Fotograf, Verleger, Kunstbuch- und Romanautor („Das Boot“), Filmemacher und Gründer des „Buchheim-Museums der Phantasie“ in Bernried am Starnberger See. Und er war darüber hinaus ein unermüdlicher, mutiger und sicherlich auch ungemein nerviger Querulant, der sich besonders Politikern und Behörden gegenüber unnachgiebig zeigte. Doch wäre Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) nicht der „streitbar-streitsüchtige Makler seiner Besitztümer gewesen“, wie ihn die „Süddeutsche Zeitung“ im Nachruf so trefflich beschrieb, hätte er seinen lang gehegten Traum von einem eigenen Museum, den er seit den 1970er Jahren verwirklichen wollte, wohl irgendwann endgültig begraben müssen.
Einmal war München als Standort für das Museum vorgesehen, einmal Duisburg, dann brachte man Chemnitz und auch Weimar ins Spiel. Bis es schließlich Buchheims Wohnort Feldafing sein sollte – und nach einem Bürgerentscheid im Frühling 1997, bei dem sich Edmund Stoiber persönlich als Fürsprecher des Projekts engagierte, dann doch nicht. Der erste Spatenstich erfolgte 1998 nördlich von Bernried im Höhenrieder Park, direkt am Starnberger See. „Dass die Verhinderer es doch nicht geschafft haben, sehe ich als ein bayerisches Wunder“, bemerkte Buchheim kurz vor der Eröffnung am 23. Mai 2001.
Mit dem Entwurf von Günther Behnisch hat sein Sammlungsuniversum eine traumhaft schöne Bleibe in einer traumhaft schönen Umgebung bekommen. „Da ist die besondere Stimmung …“, schwärmte der Münchner Architekt, „… Licht, Raumzusammenhänge, Starnberger See, Rehwiese, Bäume, Himmel …“ Behnisch ließ den mehrgliedrigen, langgestreckten Baukörper zum Teil in den Hang hineinwachsen und ihn auf der Eingangsebene in einem zwölf Meter über dem See schwebenden Steg enden. Bei klarer Sicht kann man von hier aus die Alpen sehen. Natur, Architektur und Kunst verschmelzen zu einem untrennbaren Ganzen.
In seinem Museum führte Buchheim zusammen, was in der Regel in getrennten Museen gezeigt wird. Im Mittelpunkt steht dabei die legendäre Expressionistensammlung mit Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und Druckgrafiken deutscher Künstler, auf die sich Buchheim in den ersten Nachkriegsjahren spezialisierte. So erwarb er damals die grafischen Hauptwerke aller wichtigen Maler der Künstlergemeinschaften „Die Brücke“ und „Der Blaue Reiter“, und das oftmals sogar zu unglaublich niedrigen Preisen. Als die Sammlung – 500 Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und Aquarelle – 1980 als Dauerleihgabe in den Bestand der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen überging, wurde ihr Wert auf 240 Millionen Mark geschätzt.
Den Schwerpunkt bilden dabei unter anderem Arbeiten der Brücke-Maler Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rotluff und Max Pechstein, die „unmittelbar und unverfälscht“ das wiedergeben wollten, „was sie zum Schaffen drängt“, gegen die offizielle Kunst der wilhelminischen Ära. Auch die Vorläufer der Expressionisten mit Lovis Corinth und die sogenannte zweite Generation mit Max Kaus sind mit einzigartigen Arbeiten vertreten.
Bayerische Volkskunst, Kultgegenstände aus Afrika und Ozeanien, chinesische Tuschzeichnungen, japanische Holzschnitte, Plakate und vieles andere mehr haben im Museum, neben Arbeiten von Buchheim selbst, ebenso ihren Platz: Die „Wiesenpfade der Kunst“, so der Sammler, hätten ihn manchmal mehr interessiert als die ausgetretenen Hauptwege. Das Gesamtkonzept will mit der Zusammenschau denn auch deutlich machen, dass die Entwicklung der Moderne wesentliche Anregungen durch Volkskunst und Völkerkundliches erfuhr. So ließen sich die Brücke-Maler wie auch Pablo Picasso von afrikanischen Masken und Skulpturen inspirieren, die Künstler des Blauen Reiters setzten sich unter anderem mit Hinterglas- und Votivbildern auseinander.
Auf einen einfachen Nenner lässt sich dieses kunterbunte Kaleidoskop an Exponaten nicht bringen. Doch es ist ein Szenario, das sympathisch, überraschend und immer wieder spannend ist. Ein „Museum der Phantasie“ eben.
Text: Regine Smith Thyme
Information
Buchheim Museum: Am Hirschgarten 1, 82347 Bernried, Tel. 08158/997 00, geöffnet Apr.–Okt. Di.–So./Feiertag 10–18 Uhr, Nov.–März Di.–So./Feiertag 10–17 Uhr, info@buchheimmuseum.de, www.buchheimmuseum.de