
Foto: J.J L’Héritier © Archives Fondation Maeght
Ein Fest fürs Auge
Über den Dächern von Nizza versammelt die Fondation Maeght ihre Ikonen der klassischen Moderne.
„Le midi“, der Mittag – so nennen die Franzosen den Süden ihres Landes. Und vielleicht umfasst dieses Sprachbild am stimmungsvollsten den Charakter des mittelmeerischen Küstenstreifens von den Seealpen bis zu den Pyrenäen, denn wem stiege nicht bei diesem Klang sonnenheißer Kräuterduft in die Nase, wem ständen nicht die Farbexplosionen Vincent van Goghs und seiner pointillistischen und fauvistischen Nachfolger vor Augen?
Inmitten dieser europäischen Kulturlandschaft, die schon Griechen und Römer anlockte, thront seit annähernd 50 Jahren ein Kunsttempel auf einem Hügel mit Meerblick: die Fondation Maeght, Europas schönstes Privatmuseum für moderne Kunst. 1964 vom legendären Kultusminister André Malraux eingeweiht, beherbergt die Stiftung weit über 10 000 Kunstwerke der klassischen Moderne, die das Galeristen-Paar Marguerite und Aimé Maeght im Laufe dreier Jahrzehnte zusammengetragen hat.
Begonnen hatte es Mitte der 30er Jahre damit, dass sich der diplomierte Lithograph Aimé Maeght (1906–1981) mit einer Druckwerkstatt selbständig machte und gemeinsam mit seiner Frau Marguerite (1909–1977) wenig später in Cannes seine erste Galerie eröffnete. Ungeachtet der katastrophalen Zeitläufe florierte das junge Unternehmen und konnte 1945 den Sprung nach Paris wagen. Zum Erfolg der Kunsthändler trug wesentlich die bis heute andauernde Verbindung von Galerie, Druckwerkstatt und Verlag bei. Diese Kombination bietet nicht nur ökonomische Vorteile, sondern schafft vor allem optimale Arbeitsbedingungen für die Künstler bei der Herstellung ihrer Druckgrafiken.
Dass Galeristen ein waches Gespür für künstlerische Potenziale mitbringen sollten, ist einigermaßen selbstverständlich, und den Maeghts mangelte es daran gewiss nicht. Ergänzt wurde aber in ihrem Fall dieser „richtige Riecher“ durch ein wahres Geschenk der Götter – ihr Genie für Freundschaft mit Künstlern. Schon in ihrer Frühzeit an der Côte d’Azur gewannen sie die herzliche Verbundenheit zu den längst arrivierten „Altmeistern“ Pierre Bonnard und Henri Matisse, zu denen sich bald viele jüngere Maler und Bildhauer gesellten wie Georges Braque, Alberto Giacometti und Joan Miró.
Dementsprechend mutet die Fondation Maeght in den Hügeln von Saint-Paul-de-Vence auch wie ein Haus der Freundschaft an: Nicht nur, dass Gemälde, Grafiken und Plastiken der Künstler gezeigt werden, die Aimé und Marguerite über Jahrzehnte vertreten haben, vielmehr waren diese Künstlerfreunde auch aktiv in die Gestaltung einbezogen. Integriert in das ausnehmend elegante Gebäude-Ensemble des katalanischen Architekten Josep Lluis Sert sind Wandmosaiken von Marc Chagall und Fernand Léger, ein Wasserbecken-Mosaik und ein Glasfenster von Georges Braque. Für den umgebenden Park schuf Miró sein „Labyrinth“, eine betörend heitere Suite keramischer Objekte. Und auf der dem Museum vorgelagerten Rasenfläche empfangen die Besucher unter hohen immergrünen Bäumen Plastiken von Jean Arp, Alexander Calder, Eduardo Chillida und Jean-Pierre Riopelle.
Text: Thomas Held
Informationen:
Fondation Maeght: Domaine des Gardettes, F-06570 Saint-Paul-de-Vence,
Tel. 0033/493/32 81 63, www.maeght.com/musee
Geöffnet 10–19 Uhr (Juli–Sept.), 10–12.30 und 14–18 Uhr (Okt.–Juni),
Eintritt 11 Euro (ermäßigt 9 Euro)