
Foto: Wedgwood
Geschirr für eine Königin
Im englischen Staffordshire werden seit über 240 Jahren Teller, Tassen und Vasen gefertigt. Die englische Wertarbeit von Wedgwood gehört zum Feinsten, was man sich auf den Tisch stellen kann.
Geschichte einer Familie
Zu erzählen ist die Geschichte einer englischen Großfamilie Mitte des 18. Jahrhunderts: Wedgwood hieß diese und lebte bei Stoke-on-Trent in der lieblichen Grafschaft Staffordshire. Und sie hatte sage und schreibe zwölf Kinder. Und eine Töpferei in Burslem. Auf den ersten Blick war das in damaligen Zeiten sicher nichts Besonderes. Dass der jüngste Spross des Clans, Josiah mit Namen, eine Pockenerkrankung nur mit Glück und Mühe überlebte, gehörte ebenso zum Alltag dieser Epoche. Immerhin konnte der Kleine bei seinem Vater in die Lehre gehen. Die Krankheit hatte dem Jungen indes aber eine chronische Schwäche am Knie beschert. Die Drehscheibe am Boden, unbedingtes Arbeitsutensil eines jeden Töpfers, konnte er daher nicht bedienen.
Tatendrang und Experimente
Die Folge: Der junge Josiah Wedgwood konzentrierte sich statt aufs Herstellen fortan auf das Entwerfen von Tassen, Tellern und Schalen. Eine Konsequenz, die sich ziemlich bald bezahlt machen sollte. Wedgwood holte sich Anregungen vom führenden Keramikexperten seiner Zeit, Thomas Whieldon, der dann auch sein Partner wurde. Und was tun Männer, die sich vor Tatendrang nicht retten können? Sie experimentieren.
Man schrieb das Jahr 1759, als Wedgwood nach einer neuen keramischen Masse suchte, mit der sich solides Tafelgeschirr preiswert herstellen ließ. Es dauerte vier Jahre, bis der spätere Großvater des Evolutionsforschers Charles Darwin die richtige Mischung fand, die den hohen Ansprüchen genügen konnte.
Von „Creamware“ zu „Queen’s Ware“
Nach den Importen chinesischen Porzellans hatten sich bis dahin vor allem die Delfter Fayencen in Europa etabliert. Und auch die niederländischen Manufakturen konnten mit Qualität aufwarten. Zier- und Gebrauchsgeschirr verkauften sich diesseits des Ärmelkanals prächtig. Im Vergleich dazu war Wedgwoods elfenbeinfarbene Ware jedoch viel robuster und billiger. Zudem benötigte es lediglich einen einzigen Glasurgang, Delft hingegen zwei. Und überdies ließ es sich erheblich leichter in die beliebten neo-klassischen Formen bringen als etwa Porzellan oder die Delfter Ware. „Creamware“ nannte Wedgwood sein erstes Material, und der Erfolg damit bis in die Spitzen der britischen Gesellschaft war beispiellos. Denn selbst Queen Charlotte gab recht bald ihre Order durch und erlaubte Wedgwood wie zur Belohnung, das Geschirr dieser Qualität fortan „Queen’s Ware“ zu nennen.
Kaiserliche Auftrag
Der Triumphzug war von diesem Zeitpunkt an nicht mehr aufzuhalten, „Queen’s Ware“ wurde zum Gesprächsstoff bei Hofe sowie in Europas Salons. Kein Wunder also, dass wenige Jahre später ein weiterer prestigebeladener Auftrag in Burslem einging: Katharina die Große von Russland wünschte, ein 952-teiliges Service geliefert zu bekommen. Der kaiserliche Auftrag sollte mit seinen handgemalten Ansichten der aufwändigste sein, den Josiah Wedgwood mit diesem Steingut ausführte. Als Wedgwood kurze Zeit darauf begann, mit „Black Basalt“ ein unglasiertes schwarzes Steinzeug für die Herstellung verzierter Tonkeramik, von Vasen und Krügen in mattschimmerndem Schwarz, zu verwenden, galt der nicht einmal 40-Jährige bereits als „Vater der englischen Keramikindustrie“. Antike griechische Gefäße und ihre Nachbildungen waren Ende des 18. Jahrhunderts besonders begehrt und in der guten Gesellschaft ein absolutes Muss.
„Black Basalt“ und „Jasper“
Im Gegensatz zu dem damals sonst erhältlichen, porösen Steingut musste Wedgwoods „Black Basalt“ nicht mehr glasiert werden – es kam schon glatt und undurchlässig aus dem Ofen und eignete sich deshalb hervorragend für die Darstellung klassischer Szenen aus der griechischen Mythologie: rotfigurige Zeichnungen in etruskischer Manier, wie Wedgwood sie an ausgegrabenem Porzellan der Antike aus Italien gesehen hatte. Die Geschäfte liefen prächtig, da wartete der geniale Firmengründer mit noch einer Überraschung auf: Er erfand einen weiteren keramischen Werkstoff und nannte ihn „Jasper“. Dieser war wiederum ein weißes, glasartiges Steinzeug, das aufgrund seiner geringen Dichte durchscheinend ist und ebenfalls nicht glasiert zu werden braucht. Mittels mineralischer Oxide erhielt die Masse eine blaue, grüne, gelbe, lila oder schwarze Färbung.
Kleines Imperium
Firmengründer Josiah Wedgwood litt ein Leben lang an den Spätfolgen seiner frühen Pockenerkrankung. Doch obwohl er zwischen der Erfindung von Black Basalt und Jasper sein rechtes Bein amputieren lassen musste, blühte das kleine Imperium der Wedgwoods immer mehr auf. Weitere Fabriken wurden gegründet, das Repertoire wurde ausgebaut. Kurz vor seinem Tod im Jahr 1795 übergab Josiah Wedgwood, der immer sehr großen Wert darauf gelegt hatte, dass sich seine Kostbarkeiten auch alle gesellschaftlichen Schichten leisten konnten, die Firma in die Hände seiner Söhne.