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Giacomo Casanova
Der Mann, der die Frauen liebte, beherrschte auch die Kunst des feinen Speisens.
Giacomo Casanova fasste sein Lebensmotto einmal in folgendem Satz zusammen: „Ich habe die Frauen bis zum Wahnsinn geliebt; aber ich habe ihnen stets meine Freiheit vorgezogen.“ Mehr noch als durch solche unverblümten Konfessionen wurde Casanova (1725–1798) durch die Schmierfinken zur Legende, die im prüden 19. Jahrhundert seine Lebenserinnerungen ausschlachteten, um die verklemmte Lüsternheit des bürgerlichen Publikums zu befriedigen. Erst 1965 konnte die erste vollständige und korrekte Übersetzung des zwölfbändigen Werkes publiziert werden. Heute können wir mit Casanovas kulinarischem Urteil sagen: „Alles war exquisit, weil nichts verfälscht wurde.“
Glänzend begabt und in Padua vielseitig ausgebildet, kehrte der junge Jurist 1740 in seine Heimatstadt Venedig zurück, aber nicht, um als Advokat oder Pfarrer eine wohlanständige Karriere einzuschlagen. Seine Pfade führten vielmehr in die gefährlichen Gefilde des Abenteuers und der sinnlichen Genüsse, die er mit Verstand und wachsender Kennerschaft kultivierte.
Brenzlige Situationen konnten nicht ausbleiben, und 1755 kam es zum Skandal. Casanova wurde verhaftet und in den berüchtigten „Bleikammern“ des Dogenpalastes eingekerkert. Als ihm nach gut einem Jahr die Flucht aus dieser Vorhölle gelang, war dies eine Sensation, so dass Giacomo bei seiner Ankunft in Paris kein unbeschriebenes Blatt mehr war. In der Seine-Metropole gelangte er durch die Organisation einer Staatslotterie zu raschem Reichtum – doch wie gewonnen, so zerronnen. Sein aufwändiger Lebensstil, vor allem aber eine Fehlinvestition in ein Textilunternehmen, ließen die Millionen im Nichts versickern. Und wieder einmal musste Casanova von der Bildfläche verschwinden.
Der Chevalier de Seingalt, wie er sich jetzt nannte, ließ sich nicht lumpen. Eine schöne Mailänderin betörte er mit einer großzügig arrangierten Gesellschaft. Serviert wurden köstliche Fleisch- und Fischspeisen sowie „Austern aus Venedig, die der Zuckerbäcker dem Küchenmeister des Herzogs von Modena hatte stibitzen können ... Wir aßen davon dreihundert Stück und leerten zwanzig Flaschen Champagner.“
So ging es kreuz und quer durch Europa. Lachend erzählte er von seinen Reiseerfahrungen, von den Abenteuern und Tücken der Liebe und der Küche: „Der Engländer ist ein Hammelesser und spart sich die Ausgaben für die Suppe und das Dessert.“ In Wien fand er seinen letzten Gönner, einen jungen, reichen Grafen aus dem Hause Waldstein, der in dem alternden Galan und Gourmet eine verwandte Seele erkannte.
So konnte Casanova als Bibliothekar auf Schloss Dux in Böhmen einen genussreichen Lebensabend verbringen, der kaum von Krankheiten überschattet war: „Indem ich meine Ernährung meiner körperlichen Verfassung anpasste, erfreute ich mich stets einer guten Gesundheit. Ich habe nie einen anderen Arzt gehabt als mich selbst.“
Text: Thomas Held