Giuseppe Verdi – Bauer, Komponist und Feinschmecker
Fünf Jahre nach seinem ersten Welterfolg zog sich der Komponist des „Nabucco“ in die ländliche Abgeschiedenheit der Po-Ebene zurück und bekannte: „Io sono un contadino“ („Ich bin ein Bauer“).
Professionalität und unermüdlicher Fleiß
Die Bassa Padana, die weite Ebene zwischen Parma und Piacenza, ist der vielleicht reizärmste Landstrich Italiens. Im Sommer heiß und schwül, im Winter eisig und neblig, lässt hier nicht einmal das Klima idyllische Gefühle aufkommen. Inmitten dieses Nirgendwo wurde Giuseppe Verdi (1813–1901) geboren, 1848 kaufte er hier das heruntergewirtschaftete Landgut Sant’ Agata di Villanova, das für mehr als fünfzig Jahre der Lebensmittelpunkt des Weltstars werden sollte. Und es war mehr als Koketterie oder Aussteiger-Romantik, wenn sich Verdi als „Bauer“ bezeichnete. Mit Professionalität und unermüdlichem Fleiß brachte er Ackerbau und Viehzucht auf Sant’ Agata in Schwung, errichtete Molkereien und Käsereien, organisierte Kauf und Verkauf, übernahm als Padrone von über zweihundert Landarbeitern soziale Verantwortung.
Er liebte die ländlich-schlichte Zurückhaltung
In dieser Rückkehr zu den Wurzeln steckte auch eine gewisse Portion Weltflucht. Verdi, der sich selbst die Manieren eines „Bären“ attestierte, war hohles gesellschaftliches Treiben, eitler Snobismus und vor allem jegliches Getue um seine Person verhasst. Aber die „Welt“, sofern sie sich zurückhaltend benahm und sich dem ländlich-schlichten, aber nicht rustikal-unkultivierten Lebensstil auf Sant’ Agata anbequemen mochte, wurde von Verdi und seiner Gattin Giuseppina gern willkommen geheißen. Über mehrere Wochen erstreckten sich oft die Besuche von Freunden, Kollegen und nicht zuletzt Sängern, die vor den Uraufführungen ihre Partien mit dem Maestro erarbeiteten. Häufig zu Gast waren auch Verdis Verleger Ricordi und die Librettisten Arrigo Boïto und Giuseppe Giacosa. Letzterer überlieferte uns ein schönes Bild der Gastfreundschaft auf Sant’ Agata: „Verdi ist kein Schwelger, aber ein Feinschmecker, seine Tafel ist wahrhaftig gastfreundlich ... Verdi fühlt sich wohl bei Tisch wie alle gesunden, verständigen und nüchternen Menschen, aber mehr als alles andere liebt er es, unter seinen Gästen die geistreiche und ehrliche Fröhlichkeit strahlen zu sehen, die zu den schönen und köstlichen Speisen gehört: ... er ist ein Künstler, und als solcher hält er das Mahl mit Recht für ein Kunstwerk“ — das nicht durch Gerede über Geschäfte (oder gar Musik!) verdorben werden durfte.
Ovationen von seiner Gattin
Gesprochen wurde allerdings über das Essen und die Art seiner Zubereitung sowie über die Launen der häufig wechselnden Köche. Einer qualifizierte sich in den Augen Verdis schlicht als „mörderisch“, ein anderer handelte sich den Rausschmiss ein, indem er auf eine Kritik des Maestros entgegnete: „Was bilden Sie sich denn ein, was Ihre vier Noten wert sind?“ Ob Not wirklich der beste Koch ist, können wir als offene Frage dahingestellt sein lassen. Tatsache ist aber, dass Verdi in seinen kärglichen Anfängerjahren beachtliche kulinarische Fähigkeiten und praktische Erfahrungen erwarb. In späteren Jahren konnte er damit seine Gäste überraschen und immer wieder seine Frau zum Schwelgen bringen. Nach einer gefeierten Uraufführung schrieb Giuseppina: „Wenn die nur wüssten, wie gut er einen Risotto alla milanese komponiert, Gott weiß, welche Ovationen dann erst auf seine Schultern niedergingen.“