Graf Rumford - ein unausstehlicher Wohltäter
Wer hat eigentlich den Englischen Garten gegründet? Die Antwort kennen selbst eingefleischte Münchner kaum. Dabei war Graf Rumford eine der schillerndsten Persönlichkeiten Bayerns...
Benjamin Thompson? Wer?
Schürzenjäger und Spion sei er gewesen, Möchtegern-Haudegen und Kriegsgewinnler; besserwisserisch und barsch, opportunistisch und streitsüchtig, kalt und selbstgefällig. So und schlimmer lautet die Fremdbewertung – seine Selbsteinschätzung jedoch: „Kein Mann trug je einen besseren moralischen Charakter als ich, und kein Mensch konnte je zufriedener sein mit sich selbst.“ Rumford war eine ungewöhnlich schillernde Persönlichkeit der Zeitgeschichte, deren Leben Stoff genug für laufende Meter Bücherbord bietet. Anno 1783 heißt dieser Graf noch schlicht Benjamin Thompson. Im Unabhängigkeitskampf der Amerikaner hatte er auf der falschen Seite gestanden und nach London fliehen müssen – mitsamt einem gewissen Ruf als Staatsmann, Soldat und Spion, aber auch als wissenschaftlicher Tüftler.
Ein charismatischer Kerl
Nun, immerhin 30-jährig, geht es um seine Zukunft. Militärische Karrierechancen erhofft er sich von den Krisenherden Europas. Zu Recherchezwecken macht er sich nach dem zentralen Wien auf, doch bereits unterwegs eröffnet ihm sein Charisma eine Tür nach der anderen – bis ins Herz hoher Herrschaft: Der pfalzbayrische Kurfürst Karl Theodor bittet ihn, die Verwaltung zu reformieren. Thompson tritt in den Staatsdienst ein und legt den Grundstein zu seinem Ruhm. Er knöpft sich das Heer vor. Die Regimenter bilden einen heillosen Haufen mit einem korrupten Wasserkopf. Die 15.000 einfachen Soldaten sind nicht nur geächtet, sondern bettelarm und zur Kriminalität gezwungen. Thompson hebt Sold, Bildung und Ansehen der Männer und setzt sie zu zivilen Zwecken ein. Eines seiner ambitioniertesten Vorhaben: die Anlage eines großen Stadtgartens, zum „allgemeinen Gebrauch als ein öffentlicher Spaziergang sowohl für das Civil als Militäre“. Die Arbeiten unter Leitung des Landschaftsarchitekten Friedrich Ludwig von Skell beginnen kurz nach dem Sturm auf die Bastille – „wohl nicht ganz zufällig“, wie Rumford-Biograf George I. Brown meint: „Thompson bejahte die Revolution nicht, verstand aber vermutlich, was das Volk auf die Barrikaden trieb… Im Mai 1790 übergab der Kurfürst diesen schönsten Park Europas der Öffentlichkeit.“
Großes Herz für die Armen
Doch nicht allein deswegen verehrt ihn das Volk. Parallel zum Militär hatte Thompson das gesamte Sozialwesen reformiert – sofern es diesen Namen bis dahin überhaupt verdiente: Fünf Prozent der Bevölkerung waren Bettler! Thompson richtete ein Arbeitshaus ein, entwickelte Armenküchen und hob das Wohlfahrtsniveau binnen kurzem. Dabei setzte er geschickt Erkenntnisse um, die er in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler gewonnen hatte – zum Beispiel auf dem Gebiet der Wärmetechnik und Massenernährung. Berühmt war etwa die „Rumford-Suppe“ (Zutaten: „2 Viertel Graupen, 2 Viertel Erbsen, 8 Viertel Kartoffeln, Brodschnitte, Salz, 24 Maaß schwacher Bier-Weinessig oder vielmehr sauer gewordenes Bier, Wasser ungefähr 560 Maaß“). Als der frischgebackene Graf Rumford im Herbst 1792 schwer erkrankt, veranstalten die Armen der Stadt eine beeindruckende Prozession der Zuneigung, und nach seinem Erholungsurlaub in Italien feiern sie seine Rückkehr. Zum Dank organisiert er für sie ein riesiges Fest im Englischen Garten. Endgültig zum Nationalhelden steigt der Graf 1798 auf, als er München – in fluchtbedingter Abwesenheit des Kurfürsten – vor einerseits den Österreichern und andererseits den Franzosen verteidigt, ohne jedes Blutvergießen, allein durch diplomatische Gewitztheit.
Pionier der Küchentechnik
In späteren Lebensjahren hat sich Rumford verstärkt der Forschung und Wissenschaft gewidmet. Beileibe nicht nur Theoretiker und Essayist, erfand er eine Reihe von nützlichen Dingen, die meist mit Beleuchtung, Heizung und Kochen zu tun hatten. Mit seiner Fortentwicklung von Öfen und Herden darf Rumford als Pionier der Küchentechnik gelten. Doch trotz all seiner Leistungen, ihrer Zeit teils weit voraus, machte er sich Feinde – zeit seines Lebens. Vermutlich der Hauptgrund dafür, dass nur wenige seinem Begräbnis am 28. August 1814 an der Pariser Peripherie beiwohnten.