Havannas – Kuba in aller Munde
„Manchmal ist eine Zigarre eben nur eine Zigarre“ – dieser trotzige Satz stammt keineswegs von Bill Clinton, sondern von Sigmund Freud. Und was dem Erfinder der erotischen Psychosymbolik und passionierten Raucher recht war, ist Scharen von Genießern bis heute lieb und teuer. Insbesondere Havannas – für viele die einzig wahren Zigarren – boomen.
Fidel Castro und John F. Kennedy
Stellen Sie sich vor, in einem jener gediegenen Gentlemen-Clubs, etwa an der New Yorker 5th Avenue, entdecken Sie einen älteren Herrn mit struppigem Bart, der lächelnd den Rauchschwaden allenthalben genossener Zigarren nachsinnt. Mein Gott, denken Sie sich, ist das nicht – inkognito, ohne seine stets für den Klassenkampf frisch aufgebügelte Uniform – Fidel Castro? Und scheint es den Máximo Líder nicht geradezu vergnügt zu stimmen, dass er mit seinen Cohibas und anderen Havanna-Marken doch noch den Klassenfeind düpiert, und zwar dort, wo er am verwundbarsten ist: im Zustand der völligen Entspannung? Zugegeben, seit der Entscheidung John F. Kennedys von 1962, ein Handelsembargo über Kuba zu verhängen (freilich nicht ohne vorher noch rasch 1200 Stück H. Upmanns Petit Coronas geordert zu haben), ist eine solche Begegnung eher unwahrscheinlich. Die gute Laune des ältesten amtierenden Revolutionärs der Welt hingegen nicht unbedingt – angesichts der Exportstatistik seines Landes. Circa 100 Millionen Zigarren wurden 2005 auf Kuba produziert und wohl der weitaus größte Teil davon ausgeführt – 6,5 Millionen alleine nach Deutschland.
Kubanische Jungfrauen und Torcedores
So wenige den neuen Boom der Zigarre als Genussmittel und Ausdruck individuellen Lebensstils vorausgesehen haben, so viele werden ihn begrüßen. Fidel Castro bestimmt. Auch die Herstellerländer anderer exquisiter Zigarren profitieren davon. Keines aber vermag mit Kuba gleichzuziehen, dessen Mythos als Ursprungsland der Zigarre schlechthin gepflegt wird. Wie auch die hübsche, aber unwahre Behauptung, Havannas würden auf den Schenkeln kubanischer Jungfrauen gerollt. Frauen arbeiten überhaupt erst seit den 60er Jahren als Torcedores, also Zigarrenmacher. Ein guter Torcedor bringt es pro Tag auf etwa 120 handgerollte Zigarren – allerdings nur, wenn alle Bedingungen stimmen: der Reifegrad des fermentierten Tabaks, der in bis zu viereinhalb Tonnen schweren Ballen reift und rund 90 Tage „schwitzen“ muss, die Vorauswahl und die Qualität der Deckblätter.
Laguito, Belvederes oder Corona?
Haben die verschiedenen Blätter endlich den richtigen Reifegrad erreicht, werden sie in den Manufakturen, den Galeras, angeliefert. Dann erst wird feinsortiert, werden die Blätter für ihre zukünftige Rolle als Bestandteil einer Laguito, Belvederes oder Corona vorbereitet. Diese und andere Formatbezeichnungen gelten für alle Havanna-Zigarren, die einzelnen Manufakturen klassifizieren dann für sich nach Ringmaß und Länge. Streng arbeitsteilig entfernen die Despallidoras die Mittelrippe des Blattes, die Rezagadoras sortieren und sichten den Tabak. Die Torcedores schließlich erhalten dann je eine Mischung aus Einlage (Tripa), Umblatt (Capote) und Deckblättern (Capa) für rund 50 Zigarren.
Bei ihrer recht ruhigen Arbeit im süßlichen Klima allgegenwärtigen Tabakaromas wird in vielen Galeras von einem eigens dafür engagierten Lector de Tabaqueria vorgelesen – aus Zeitungen, aber auch aus Romanen. Selbst Schillers „Maria Stuart“ soll schon zum Vortrag gekommen sein. In der Muße und Gleichmäßigkeit solch unvergleichlicher Atmosphäre schließlich entstehen jene kleinen Meisterwerke, die eines Tages in den Händen gut zahlender Kunden in Rauch aufgehen. In wohlmundenden Rauch, der oft gar prickelnd schmeckt, so prickelnd wie Champagner, oder – in Kombination mit einem ausgewogenen Single Malt oder alten Cognac – überaus edle Aromen entfaltet. Vielleicht liegt darin das Erfolgsgeheimnis der Zigarre begründet.