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Honoré de Balzac – Romancier und Gourmet
„Comédie humaine“ nannte Honoré de Balzac sein mehr als 40-bändiges Hauptwerk. Mit diesem Romanzyklus schuf der Dichter, der auch ein großer Gourmet war, ein episches Panorama Frankreichs im 19. Jahrhundert.
„Er war dick, stämmig, viereckig in Fuß und Schulter“, so ein Zeitgenosse. Balzac dazu selbstironisch: „Ich bin nicht tief, aber sehr breit.“ Die Karikaturisten nahmen ihn nur allzu gern als stadtbekannten Schlemmer aufs Korn, da er regelmäßig im angesagtesten Pariser Restaurant „Véry“ ungeheure Mengen von Austern, Fisch, Fleisch, Früchten, Wein und Spirituosen vertilgte.
1799 in Tours geboren, studierte der spätere Pariser Erfolgsschriftsteller, dessen Romane in ganz Europa verschlungen wurden, zunächst Jura, assistierte lustlos einem Advokaten und publizierte einige Romane. Sie fanden jedoch keinerlei Beachtung. Danach scheiterte er als Druckereibesitzer. Mit 29 Jahren hatte er Ton und Thema gefunden – bis zum Tode (1850) blieben Kreativität und Produktivität ungebrochen. Neben der monumentalen „Comédie humaine“ verfasste Balzac Theaterstücke und Gelegenheitstexte zur Gastronomie, die ihn als Liebhaber aller erdenklichen Tafelfreuden ebenso auswiesen wie als Vorläufer der Ernährungswissenschaft.
Die sensationelle Wirkung des Romanciers Balzac beruhte auf der radikalen Abkehr von Idealismus und Romantik. Er war der erste moderne Dichter, der mit naturwissenschaftlicher Präzision die Menschen seiner Zeit als typische Vertreter ihrer sozialen Schicht schilderte: Städter und Provinzler, Damen und Kurtisanen, Anwälte und Ganoven, Intellektuelle und Dummköpfe, Prasser und Hungerleider.
Balzac war der erste Dichter, der sich dem widmete, was Leib und Seele zusammenhält. Nach den kriegsbedingten Entbehrungen der napoleonischen Ära erlebte die französische Gastronomie eine Renaissance der Esskultur, die für Balzac in doppelter Hinsicht wichtig war: Zum einen verliehen die kenntnisreich geschilderten Speisen und Getränke seinen Romanen atmosphärische Dichte, zum anderen dienten sie als Indikator für den gesellschaftlichen Status seiner Helden.
Während die Herren in ungehemmter Völlerei hinlangen durften, um ihren teuer erworbenen Wanst präsentieren zu können, wurden die Damen durch „ihren heimlichen Harnisch“, „das Paradekorsett“, schmerzlich gezügelt. Und auch der „Galeerensklave der Literatur“ selbst hatte bitter zu leiden: In seinen exzessiven Schreibphasen verordnete sich der leidenschaftliche Gourmet kärglichste Diät und mörderische Mengen von Kaffee ...
Text: Thomas Held