Joseph Roth und der Tafelspitz
Als „heiliger Trinker“ ging er in die Geschichte der deutschsprachigen Literatur ein. Mit seinem meisterhaften Roman „Radetzkymarsch“ setzte Joseph Roth dem Untergang der Habsburger Doppelmonarchie ein unvergängliches Denkmal.
„Nach der Suppe trug man den garnierten Tafelspitz auf, das Sonntagsgericht des Alten seit unzähligen Jahren. Die wohlgefällige Betrachtung, die er dieser Speise widmete, nahm längere Zeit in Anspruch als die halbe Mahlzeit.“
Denn die Augenfreude an gutem Essen steht in eigenartigem Widerspruch zur Hast und Gier, mit der der Protagonist des Romans es dann herunterschlingt. Tafelspitz ist für Trotta Symbol einer auf strenge, schlichte Solidität ausgerichteten Lebensführung. Der ergraute Offizier „war ein Spartaner. Aber er war ein Österreicher“, so heißt es in Roths „Radetzkymarsch“.
Dabei begutachtet Trotta das Mahl nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus analytischen Gründen: Ebenso sachkundig, wie er das Fleisch aufschneidet, kommentiert er die Qualität: „Sehen Sie, meine Gnädige, es genügt nicht, beim Fleischer ein zartes Stück zu verlangen. Man muss darauf achten, in welcher Art es geschnitten ist. Ich meine, Querschnitt oder Längsschnitt. Die Fleischer verstehen heutzutage ihr Handwerk nicht mehr. Das feinste Fleisch ist verdorben, nur durch einen falschen Schnitt …“
Danach kommt außer einem vorzüglichen, aber beiläufigen Schnitzel keine feste Nahrung mehr auf den Tisch. Zu den Hasardspielen, Affären und Duellen der Offiziere in den weltenfern entlegenen Provinzen der Donau-Monarchie serviert der Dichter kurze, harte Drinks – Slibowitz, Cognac, „Neunzigprozentigen“.
Von der Peripherie des „Franz-Joseph-Landes“ stammte auch Joseph Roth: 1894 im galizischen Brody geboren, studierte er in Lemberg und Wien. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er in Berlin für liberale Zeitungen und veröffentlichte seine ersten Romane. Eine Reise durch die frühstalinistische Sowjetunion zerstörte seine sozialistischen Träume.
Diese Resignation öffnete Roth auch die Augen für den Verlust des alten Österreich-Ungarn – und für die kommenden Katastrophen des Nationalismus. 1933 floh der Autor vor den Nazis nach Paris, wo er bis zu seinem Tod 1939 ungeachtet seiner immer tiefer werdenden Verzweiflung neben journalistischem Tagewerk seine sechs bedeutenden späten Romane vollenden konnte.
Text: Thomas Held
So oder ähnlich könnte der Tafelspitz zubereitet worden sein, den Joseph Roths Romanheld aß: Tafelspitz mit Apfel-Meerrettich-Sauce