Legende in Blau-Weiß
Ihre Keramiken mit dem Zeichen HB kennt jeder, doch als Person ist Hedwig Bollhagen nur Insidern bekannt. Dabei fertigte sie in ihren Marwitzer Werkstätten fast 70 Jahre lang Gebrauchsgeschirr in schönster Bauhaustradition, denkmalpflegerische Objekte und Gartenkeramik.
Einfachheit und Qualität
Nach Lehrjahren in Hessen und im Westerwald gab Hedwig Bollhagen ihr Debüt als Keramikerin in der Steingutfabrik Velten-Vordamm. Die damals ganz dem Bauhaus verpflichtete Manufaktur stellte die 19-jährige Hannoveranerin als Leiterin der Malabteilung ein. „Dort habe ich das Grundwissen in Keramik erlangt“, inspiriert von den Bauhauskünstlern Bogler und Burri, „eine richtige Bauhausschülerin bin ich aber nie gewesen.“ Einige der dort geschöpften Formen und Muster sind bis heute Teil ihrer Kollektion, Lichtjahre entfernt vom üblichen Industriekitsch. Die Einfachheit der Form, das sichere Qualitätsgefühl, der klare Klang der eingesetzten Farben machen Hedwig Bollhagens Arbeiten einmalig.
Punkte, Netze und Wellen
Viele ihrer geraden, birnenförmigen, gedrückten oder gestreckten Kannen sind mit Streifen bemalt, aber auch mit Punkten, Doppelringen, Netzen, Waben, Wellen oder Blumenmustern; schwarz- oder gelb-weiß sind sie – oder eben blau, meist auf weißem Grund. „Blau-Weiß ist nicht typisch HB“, musste sie immer wieder erklären. „Blau bewährt sich in der Keramik überhaupt sehr gut, denken Sie an Meißen oder an die holländischen Fliesen.“ Überall Blau, so wie der Kittel, den sie stets trug; blau-weiß gewürfelt war er und hinten geknöpft, und die Taille betonte ein schmaler Gürtel. „Anfangs beschäftigte ich zehn junge Polinnen, die in der Fabrik auch wohnten. Als sie fortgingen, nähte ich aus ihren Bettbezügen Kittel.“ Sie wurden ihr Alltagskleid.
"...meine lieben Weißen“
Hedwig Bollhagen machte auch schlichtes weißes Geschirr: „Ich bemühe mich, der Form ohne Dekor die Ehre zu geben, die ihr gebührt.“ Nach langem Gebrauch erhält es das schöne Krakelee; sie benutzte es gern selbst. „Das ist mein Lieblingsgeschirr, meine lieben Weißen“, sagte sie fast zärtlich und deutete auf eine Vitrine mit undekorierten Fayencen.
„Kunst? Ach ja, manche nennen es so..."
1934 übernahm HB die Marwitzer Fabrik, damals eine von 40 Ofenfabriken im Raum Velten, wo die herrlichen Kachelöfen für großbürgerliche Berliner Häuser entstanden. Mit 35 Mitarbeitern begann sie ihr Lebenswerk und entwickelte Gebrauchsgeschirr. Das blau-rote Fadenkaro, einer der ersten Dekorentwürfe, wird noch heute gefertigt; viele Gefäße und Gedecke stehen schon in Museen. 1992 wurde der zu DDR-Zeiten verstaatlichte Betrieb reprivatisiert. „Da kamen die Freier, und kaum einer war geeignet“, lachte sie. Einen hat sie doch erhört – er wurde ihr kompetenter Teilhaber im Marwitzer Betrieb mit seinen 40 Mitarbeitern. Die alten Kohleöfen, die früher sieben Leute beschickten, werden jetzt nur noch zum Trocknen benutzt; für den Elektroofen genügt eine Einsetzerin. In dem alten Backsteingebäude wird der gereinigte Ton aus Westerwälder Gruben mit Wasser verquirlt und durch riesige Maschinen gedrückt – „das ist das Letzte, was er durchmachen muss“, so Hedwig Bollhagen kurz vor ihrem Tode trocken. Am 8. Juni 2001 starb Hedwig Bollhagen im Alter von 93 Jahren – doch ihre Kunst lebt weiter: „Kunst? Ach ja, manche nennen es so; ich mache Teller, Tassen und Kannen.“
HB-Werkstätten für Keramik, Hedwig-Bollhagen-Straße 4, 16727 Oberkrämer/Marwitz, Tel. 033 04/398-0, Fax -19, www.hedwig-bollhagen.de, geöffnet Mittwoch 9–17, Samstag 10–14 Uhr, Führung: am letzten Mittwoch im Monat um 13 Uhr.