Meissen – Wiege des europäischen Porzellans
Die Geburt des europäischen Porzellans geschah zwar im Keller der Jungfernburg in Dresden, aber die erste Manufaktur wurde in der sächsischen Kleinstadt Meissen gegründet.
Härter als Stahl!
Der Gründer der Manufaktur, August der Starke, König von Polen, Kurfürst von Sachsen, war ein bekennender Porzellannarr. Seit Jahren finanzierte er diesbezügliche Forschungsanstrengungen Johann Friedrich Böttgers – eines Alchimisten, dem der Ruf des Scheiterns hinsichtlich der Verwandlung von Blei in Gold anhaftete. Doch am 28. März 1709 meldete er seinem Kurfürst, das europäische Porzellan, sogar noch etwas härter als das fernöstliche, sei aus der Taufe gehoben. Die natürlichen Bestandteile Kaolin (lehmähnliche Porzellanerde), Quarz (ein gewöhnliches Mineral) und Feldspat (helle Felsart) sind vor der Verarbeitung feine, hellgraue Pulver. Das Porzellan entsteht auf eine durchaus alchimistische Weise, durch Stoffverwandlung unter Höllenhitze nämlich. Beim Brennen um 1450 Grad umschließen die flüssig werdenden Quarz- und Feldspatteile die winzigen feuerfesten Kaolinkörnchen und verschweißen sie felsenfest, ja, noch ein wenig fester. Das Ergebnis ist bekannt: außen glatt und scheinbar weich – innen härter als Stahl.
Glattbrand und Aufglasur
Rundliche Stücke, etwa Tassen, entstehen auf der Töpferscheibe. Sie werden mit der Hand gedreht und kommen dann in eine Gipsform, die ihre Oberfläche strukturiert. Henkel und Teile von Figuren presst man in „Quetschformen“, klebt sie mit flüssigem Porzellan („Schlicker“) aneinander und brennt sie im ersten so genannten Glühbrand bei 950 Grad. Anschließend wird das Markenzeichen, die blauen Schwerter, oder auch das weltberühmte Zwiebelmuster aufgemalt. Denn allein Kobaltblau und Chromgrün halten den Hauptbrand („Glattbrand“) von 1450 Grad aus – und eignen sich somit zur Unterglasur-Malerei. Alle anderen bunten („Aufglasur“-) Farben werden erst danach aufgepinselt – was wiederum einen dritten Brand (bei 900 Grad) erfordert: Viel Hitze, viel Schweiß, viel Handarbeit.
Zwiebeln oder Granatäpfel?
Das berühmte Zwiebelmuster indessen zeigt in Wahrheit Granatäpfel, die im damaligen Sachsen irrtümlich für Zwiebeln gehalten wurden. Doch schon bald wurde die Dekoration vom europäischen Barock beeinflusst: Schwäne dienten als Saucieren, Löwen thronten auf Schüsseldeckeln, auf Kommoden und Beistelltischen musizierten Affen. Bis heute bestreitet Meißen 80 Prozent des Umsatzes mit Formen und Dekors aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Alle 150 000 Prototypen, die je produziert wurden, sind im Firmenarchiv erhalten und werden immer wieder nachbestellt. Verkaufsschlager ist nach wie vor das Geschirr mit dem Zwiebelmuster, entworfen 1739. Wie begehrt die Produkte weltweit sind, zeigte die jüngste Versteigerung von Sotheby’s in London, wo für ein goldverziertes Affenorchester von ca. 1755 umgerechnet fast 70 000 Mark bezahlt wurden. Kurz: Das Geschäft mit den traditionellen Erzeugnissen des Hauses blüht, und das wird wohl so bleiben.
Handgefertigtes Porzellan kann übrigens problemlos in Miele-Geschirrspülern gereinigt werden. Über Ausnahmen informiert Sie Ihr Fachhändler.
Mehr Infos:
Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH, Talstraße 9, 01662 Meißen, Tel. 03521/4680, www.meissen.de
Wer sich für den Wert seines alten Porzellans interessiert, kann es schätzen lassen: Auskunft erteilen das Archiv oder die Abteilung Finanzen.
Schauhalle, Schauwerkstatt und Verkaufsausstellung der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meißen sind täglich von 9 bis 17 Uhr (1.11.–30.4.) bzw. 18 Uhr (1.5.–31.10.) und von 10-16 Uhr (31.12 und 1.1) geöffnet, 24.–26. Dezember ist geschlossen.
Die größte Meißener Porzellansammlung befindet sich im Dresdner Zwinger. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.