Netsuke – Dinge, die am Gürtel hängen
Netsuke, so werden die kunstvollen japanischen Miniaturen genannt, die vor 300 Jahren wie Schmuckstücke am Kimono-Gürtel aufgehängt wurden – als Statussymbole für ihren Besitzer. Heute sind sie begehrte Sammelobjekte.
Ursprünglich dientes es einem ganz profanen Zweck
Es gibt wohl kaum einen Gegenstand, der die Sammelleidenschaft so leicht befriedigt wie japanische Netsuke. Diese filigranen Skulpturen, stets bis ins Detail gestaltet, sind im Preis erschwinglich, hübsch anzusehen und lassen viel Raum für Interpretationen. Ihrem Besitzer sichern sie eine unerschöpfliche Quelle der Spielfreude, lassen sie sich doch auf mehrere Arten ordnen: nach Sujets, nach Künstlern, nach Regionen, nach Epochen, nach Materialien oder Formen. Ursprünglich dienten die Miniaturen einem ganz profanen Zweck: Da die traditionelle japanische Kleidung, der Kimono, keine Taschen besitzt, wurde alles, was man normalerweise in der Tasche verstaut – Geld- und Tabaksbeutel, Siegel- oder Pillendosen –, in ein Säckchen oder in mehrere Schachteln (inro) gesteckt und am Gürtel (obi) getragen. Sie alle besaßen eine Vorrichtung, durch die man eine Schnur hindurchziehen konnte. Die beiden Enden der Schnur zog man ein Stück weit unter dem Kimonogürtel hindurch, so dass das Inro am Körper baumelte. Damit die Schnur nicht von allein unter dem Gürtel hervorrutschte und sich wieder von ihm löste, zog man die Enden durch einen zweiten Gegenstand, der als Knebel und Gegengewicht diente: Ursprünglich war dies ein Stück Holz oder Wurzel, woraus sich auch der Begriff Netsuke (ne = Wurzel, tsuke = anhängen) ableitet.
Fantastische, skurrile Kleinstskulpturen
Ende des 17. Jahrhunderts, während der Edo-Zeit (1603–1868), bildete sich unter den herrschenden Samurai, die sich mit prächtigen Waffen schmückten, eine Mittelschicht aus wohlhabenden Kaufleuten und Handwerkern, die mit ihrem Reichtum ebenfalls auftrumpfen wollten. Und so begannen sie, aufwändig verarbeitete sagemono (Dinge, die am Gürtel hängen) zur Schau zu tragen. Diese verlangten natürlich einen ebenso kostbaren Netsuke. So entstanden fantastische wie skurrile Kleinstskulpturen, die den gleichen Stellenwert inne hatten wie Schmuck in Europa. Die drei bis vier Zentimeter kleinen Figuren ließen Stand und Vermögen des Trägers erkennen. Deshalb waren sie auch bald nicht mehr aus schlichtem Wurzelholz oder Bambus, sondern wurden aus Elfenbein hergestellt, aus Perlmutt, Horn, Buchsbaum, Schildpatt, Silber, Koralle, Metall, Knochen, den Zähnen von Ebern, Tigern und Bären, aus Fruchtkernen, Walnussschalen, Muscheln, aus Keramik, Bernstein oder Porzellan und später sogar aus Kunststoff. Netsuke stellen eine Enzyklopädie des japanischen Lebens dar. Durch sie begegnet man Glücksgöttern und buddhistischen Heiligen, Tieren, Pflanzen und Masken, Insekten, Fabelwesen, Kobolden, Märchen- und Romangestalten sowie Menschen in allen denkbaren Situationen. Sie karikieren sowohl Alltäglichkeiten wie populäre Mythen und Legenden Japans. Die Künstler fühlten sich vollkommen frei in der Gestaltung ihrer kleinen Kunstwerke, oft folgten sie auch den Wünschen und dem Geschmack ihres Auftraggebers. Und es gab reichlich Gelegenheiten, sich mit originellen Netsuke zu schmücken: mit dem Horoskop-Tier des Jahres, mit Glücksgöttern zu Neujahr, mit einem Skelett zum buddhistischen Allerseelenfest. Beliebte Hochzeitsmotive waren Glück verheißende Tiere wie Kranich oder Schildkröte.
Alles über Netsuke
Die Homepage der Internationale Netsuke Society: www.netsuke.org
Patrizia Jirka-Schmitz: „The World of Netsuke“ (englisch), 351 Seiten, 99,80 Euro, Arnoldsche Verlagsanstalt Stuttgart, März 2005
Otto H. Noetzel: „Netsuke. Geschichte, Meister, Motive“ (deutsch), 272 Seiten, 76 Euro, Florian Noetzel Verlag, Wilhelmshaven, Juli 2001