
Foto: G. Majno - www.fondoambiente.it
Die Schatzkammer des Grafen
Wer im Sommer nach Italien reist, sollte sich einen Ausflug zur Villa Panza gönnen – und die noble Residenz mit all der Schönheit moderner Kunst genießen.
Lange Zeit waren die Kunstschätze des Grafen Giuseppe Panza di Biumo nur wenigen Privilegierten zugänglich. Doch seit der berühmte italienische Sammler und promovierte Jurist seinen Besitz in Varese, nördlich von Mailand, 1996 der italienischen Stiftung für Umwelt und Kulturgut (FAI) vermacht hat, steht die ehemalige Familienvilla mit den Wirtschaftsgebäuden dem Publikum offen. Nichts in dem Anwesen ist museal entrückt. In der noblen Residenz aus dem 18. Jahrhundert wurde der kultivierte Lebensstil der Familie bewahrt.
Die schöne alte Einrichtung schmückt noch immer die Salons, im Studio sind die Familienfotos aufgereiht, und vor den modernen Kunstwerken spürt man die Begeisterung, mit der Giovanna und Giuseppe Panza traditionelle Werte um die Schönheit der Moderne bereichert haben. Zu Möbeln aus der Epoche des Vorbesitzers Herzog Litta Visconti Arese und seines Sohnes Antonio, die hier im 19. Jahrhundert Hof hielten, und zu Antiquitäten aus dem Besitz der Familie Panza sind im Hauptgeschoss der Villa abstrakte amerikanische Farbgemälde der achtziger und neunziger Jahre gruppiert.
Auf 5000 Quadratmetern Ausstellungsfläche wirkt das Museum wie eine Schule des Sehens, ohne eitles Namedropping, ohne Belehrungen: Auf dem Rundgang durchs Haus übernimmt die Tonbandführung die Rolle des Gastgebers, der auf Details aufmerksam macht, den Blick hinaus in den großen Park, zum nahen Sacromonte mit seinen Wallfahrtkapellen und zur Voralpenkette lenkt, den Besucher mit Überlegungen zur Kunst der Gegenwart zum Nachdenken anregt.
Ein hölzerner Zierrahmen aus einer Kirche krönt den Eingang zu den Ausstellungsräumen; zwischen mannshohen Kandelabern hängen die kraftvollen Monochromien des Kaliforniers Phil Sims, Farblicht-Impressionen des Himmels, des Sonnenuntergangs oder einer Wiese im ersten Grün. Unter dem Deckengemälde des Salons mit den Symbolen der vier Jahreszeiten kontrastieren Ölbilder der New Yorker Malerin Ruth Ann Freudenthal, deren Farbklang aus vielen feinen Schichten aufgebaut ist, mit präkolumbischen und afrikanischen Skulpturen.
Auf einer umbrischen Sakristei-Kredenz stehen im ehemaligen Speisesaal Kultköpfe aus dem Grenzgebiet zwischen Kamerun und Nigeria. Darüber schimmern die Bilder des kalifornischen Malers David Simpson, deren metallische Pigmente das Licht reflektieren. Das intime Studierzimmer, wo Graf Panza früher abendelang Kunstbücher las, dominiert ein Bild der Malerin Max Cole, dessen Streifen aus Tausenden von kleinen Linien bestehen.
Ein Wechselbad der Gefühle bescheren die Führungen durch den einstigen Wirtschaftsflügel über den Stallungen und Remisen, wo Farbe und künstliches Licht die leeren Säle mit den glänzenden Terrakotta-Fliesen verändern und die Wahrnehmung täuschen: Neonreliefs und umlaufende Neonröhren in Blutrot, Ultraviolett, Grün, Babyblau, Pink und Gelb beleuchten andächtige Besuchergruppen. Ein Druck auf den Schalter, und über den Köpfen schießen gelb-grüne Lichtbänder durch einen 28 Meter langen Gang, den der amerikanische Minimalkünstler Dan Flavin 1976 in seinen magischen „Varese Corridor“ verwandelt hat.
Wieder ein leerer Raum – ein jähes Frösteln in der Zugluft, die durch die weite Fassadenöffnung weht. Die Landschaft draußen wird im „Varese Window Room“, den der Kalifornier Robert Irwin hier 1973 in Panzas Auftrag schuf, zum Bild. Von den Mauern weiß gerahmt, verändert es sich im Rhythmus der Tages- und Jahreszeiten.
Auch der Blick in die Wolken, in die Unendlichkeit des Himmels, den der „Skyspace“ von James Turrell dank einer hydraulisch zu öffnenden Decke bietet, zeigt die bildnerischen Kräfte der Natur. Turrell führt die Fähigkeiten guter Kunst jenseits der Moden vor Augen, auf die Panza bis heute setzt. „Die Schönheit“, erklärt der leidenschaftliche Sammler, „hat keine Grenzen. Sie bringt uns in Kontakt mit einer Realität, die über allen Dingen steht.“
Information
Villa e Collezione Panza, Piazza Litta, 1, I-21100 Varese, Tel. 00 39/03 32/28 39 60, Fax 983 15.
Die Villa Panza (mit Museumsshop und Café) ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 8 Euro, Kinder 3 Euro.
Anfahrt: A8 Mailand–Varese, bis Varese Centro, dann der Ausschilderung zur Villa folgen.
Weitere Infos unter www.fondoambiente.it/beni/villa-e-collezione-panza.asp