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Thomas Mann – Mit Buddenbrooks speisen
Nach dem Erscheinen seines Familien-Epos „Buddenbrooks“ charakterisierte sich der Autor selbstironisch als „Schilderer guter Mittagessen“. Wie kein anderer Dichter gönnte Thomas Mann seinen Romanfiguren die Freuden kulinarischen Wohllebens.
„Ein kolossaler, ziegelroter, panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner, säuerlicher Schalottensauce und solchen Mengen an Gemüsen, dass alle aus einer einzigen Schüssel sich hätten sättigen können.“
Plettenpudding und Plumpudding
Und damit war es keineswegs genug, als die Buddenbrooks standesgemäß ihr neues Haus in der Lübecker Mengstraße einweihten. Kräutersuppe und Fischgang waren dem Schinken vorangegangen, Russischer Topf, „ein prickelnd und spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte“, und weitere Desserts folgten: „der ‚Plettenpudding‘, ein schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme“, sowie zur höchlichen Begeisterung der Kinder ein „brennender Plumpudding“.
Kindheitserinnerungen
Wie tragende Säulen strukturieren repräsentative Tafeleien, familiäre Frühstücke und solide Imbisse Thomas Manns Epos vom „Verfall einer Familie“. Bei der Gestaltung der Speisenfolgen schwelgte der Dichter nicht nur in satten Kindheitserinnerungen, sondern befragte auch seine Mutter. Julia Mann wiederum konnte auf das über Generationen fortgeschriebene Kochbuch der Familie zurückgreifen, das zwar ohne Mengenangaben, dafür aber hinreißend eingeleitet, in einer sorgfältig aufbereiteten Broschüre erhältlich ist („Taube & Franzbrot. Das Lübecker Haushaltskochbuch der Familie Mann“, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg, 10 Euro).
„Familienspaß ohne öffentliche Bedeutung“
Ähnlich verhielt es sich mit den politischen, gesellschaftlichen, ökonomischen und technischen Realien, deren präzise Stimmigkeit die „Buddenbrooks“ zu einem kunstvoll verdichteten Epochenbild macht. Der „Familienspaß ohne öffentliche Bedeutung“ erschien im Herbst 1901 im Verlag des legendären Samuel Fischer. Nach zunächst eher verhaltener Aufnahme brachte die einbändige „Volksausgabe“ von 1903 den Durchbruch: Bis heute wurden weltweit mehr als vier Millionen Exemplare der „Buddenbrooks“ verkauft, 1923 wurde der Roman erstmals verfilmt und 1929 mit der Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Thomas Mann ausgezeichnet.
Erst kurz vor dem Tod des Dichters hatte die Hansestadt den Brocken endgültig verdaut und verlieh Thomas Mann das Ehrenbürgerrecht. Fürwahr ein versöhnliches Dessert.