
Fotos: Thonet
Thonet – auf diesen Stühlen sitzt die Welt
Seit über 180 Jahren werden sie wegen ihrer formalen Klarheit, Qualität und Langlebigkeit geschätzt. Dabei sind die Stühle von Thonet viel mehr als „nur“ Sitzmöbel: Sie sind Ausdruck eines Lebensstils.
Wahrscheinlich ist es nur eine bescheidene Übertreibung zu sagen, dass die Zahl derer, die noch nicht auf einem Thonet-Stuhl gesessen haben, äußerst überschaubar ist. Und wir reden dabei nicht nur von Europa. Zwei Epochen der internationalen Design-Geschichte fanden in diesen Möbeln ihren augenfälligsten Ausdruck. Mehr noch: Sie wurden – und sind – Ausdruck eines Lebensstils.
Die Erzählungen von Erfolgsgeschichten beginnen für gewöhnlich mit den Worten „Aus kleinen Anfängen...“: Im Jahr 1819 gründete der Tischlermeister Michael Thonet (1796–1871) in Boppard am Rhein seine erste Werkstatt als traditionellen Handwerksbetrieb. Doch dieser Tischler blieb nicht bei seinem Hobel, sondern begann neue Verfahren zur Holzbiegung zu entwickeln und in ihren praktischen Möglichkeiten zu erproben. Um 1830 entstanden so die ersten Möbel aus gebogenem Schichtholz.
Und jede Erfolgsstory kennt den Moment, in dem das Glück dem Können zum Erfolg verhilft. Michael Thonet erschien die „Glücksfee“ in Gestalt des Fürsten Metternich, der ihn 1842 nach Wien lockte. In der k.u.k.-Metropole eröffnete der Tischler zwar kein Kaffeehaus, aber er begann, diese Institution der Donau-Monarchie zu möblieren. Nach ersten Erfolgen bei der Ausstattung des Palais Liechtenstein entwarf die Firma den legendären Stuhl Nr. 14 (heute Modell S 214), der eine neue Epoche der Möbelproduktion einleitete.
Dieser Wiener Caféhaus-Stuhl von 1859 revolutionierte zunächst die Herstellung: Erstmals entstand mit ihm ein Möbel in industrieller Arbeitsteilung, erstmals wurde für diesen Stuhl massives Buchenholz gebogen. Zum Exportschlager wurde der S 14 durch Vorwegnahme heutiger Container-Logistik. Da er zerlegbar war, passten 36 Stühle in eine Transportkiste mit weniger als einem Kubikmeter Volumen. Allein von diesem Modell hat Thonet bis heute rund 60 Millionen Exemplare in alle Welt verkauft. Der Kaffeehausstuhl schrieb Film-, Foto- und Möbelgeschichte: Charlie Chaplin diente er als Requisite, Marilyn Monroe ließ sich mit Ehemann Arthur Miller auf ihm ablichten, Pablo Picasso schaukelte gern.
Der ökonomische Superlativ sollte nicht den Blick auf die ästhetische Qualität verstellen. Lange vor den Postulaten moderner Designer schuf Thonet in den Zeiten des krudesten Historismus mit diesem Stuhl ein Möbel von absolut schnörkelloser Eleganz, geradezu minimalistischer Linienführung, formaler (und praktischer) Leichtigkeit. Und all dies als qualitativ hochwertiges, wohlfeiles Massenprodukt. Damit war die Grundlage geschaffen, auf der das Unternehmen eine faszinierende Vielfalt von Bugholz-Möbeln entwickelte, die heute zum unabdingbaren Bestand eines jeden Design-Museums zählen, die aber vor allem zur Freude der „Besitzer“ ihre Alltagstauglichkeit in jeder Hinsicht ungebrochen erhalten haben.
Seit Anfang der 1920er Jahre experimentierten die Bauhaus-Architekten Marcel Breuer, Mart Stam und Ludwig Mies van der Rohe mit dem Entwurf und der Fertigung von Stahlrohr-Möbeln. Die Entdeckung, dass das Material bei kalter Biegung eine erstaunliche Elastizität erhält, führte zur bahnbrechenden Konzeption des „Freischwingers“ – für den nach einem beispiellosen juristischen Hickhack dem Niederländer Mart Stam 1961 vom Bundesgerichtshof das Urheberrecht zugesprochen wurde. Integriert in ein Gesamtkonzept modernen Wohnens wurden diese Möbel erstmals 1927 in der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung öffentlich vorgestellt. Dieser Werkbund-Beitrag zur „Neuen Sachlichkeit“ provozierte heftige Diskussionen. Kein Wunder, dass ein Unternehmen, das bereits seit Jahrzehnten dem Kitsch trotzte, das hier gebotene Potential erkannte. Thonet übernahm die Bauhaus-Entwürfe und ergänzte sie durch Modelle von Le Corbusier und Hans Luckhardt sowie des eigenen Gestalter-Teams.
Der Erfolg, der in den folgenden Jahren diesem Innovationsschub beschieden war, ist umso erstaunlicher, als die „kulturbolschewistischen“ Stahlrohrmöbel dem politisch propagierten Spießergeschmack der Nazis diametral zuwiderliefen. Welch böse Ironie der Geschichte: Die Bauhaus-Architekten wurden verfemt und ins Exil getrieben, während ihre Möbel im oberhessischen Frankenberg weiterhin industriell gefertigt wurden.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs stand das Familienunternehmen vor dem Nichts: Die Fabriken in Osteuropa wurden enteignet, in Schutt und Asche lagen der Wiener Firmensitz und das Frankenberger Werk. Erhalten geblieben war indes das Renommee, beruhend auf ästhetischem und produktionstechnischem Qualitätsbewusstsein. Mit dem Wiederaufbau konnten dadurch auch die Stars der nachfolgenden Designer-Generationen von Egon Eiermann bis Glen Oliver Löw an Thonet gebunden werden. Damit die Welt auch in Zukunft gut sitzt.
Weitere Infos: www.thonet.de.