Turin für Genießer
Turin? Autos, Fußball und viel Industrie – oder? Doch die Hauptstadt des Piemont hat auch kulinarisch eine Menge zu bieten…
Wenn in Turin ein Arbeitstag zu Ende
Was macht der Turiner abends gegen sieben Uhr? Trottet er müde von der Schicht nach Hause? Hängt er vor dem Fernseher und sieht sich Wiederholungen von Juventus-Spielen an? Nein. Er nimmt einen Aperitif. Wenn in Turin ein Arbeitstag zu Ende geht, dann füllen sich die Bars der Stadt. Anwälte und Arbeiter, Studentinnen und Handwerker trinken ein Glas Weißwein, ein Bier oder einen Aperol Soda, plaudern und greifen zwischendurch zu den stuzzichini, die auf dem Tresen aufgebaut sind: Chips und klein geschnittene Pizza, Käsewürfel und Mortadellascheiben, scharf gewürzte Oliven und allerlei kreativ belegte Brotwürfel.
Mehr als Fiat und Fußball
Der Aperitif ist eine typische Turiner Angelegenheit und der beste Beweis, dass die vermeintliche Industriestadt mehr zu bieten hat als Fiat und Fußball. Die Hauptstadt des Piemont ist eine Stadt für Genießer. Eine sehr schöne Stadt; schon das eine Überraschung für die meisten, die sie erstmalig besuchen. Erfreut flanieren sie unter Platanen-Alleen und über weite Plätze, an pariserisch-eleganten Fassaden und barocken palazzi vorbei, werfen einen Blick auf den breit dahinfließenden Po und die grünen Hügel mit den Jugendstilvillen.
Die Innenstadt durchziehen 18 Kilometer Arkadengänge, in denen es sich bei jedem Wetter bummeln lässt. Zur Rast laden traditionsreiche Cafés ein. Plüschsalons, in denen unter Stuckdecken und Kristalllüstern der Cappuccino und am Nachmittag pasticcini auf silbernen Tellerchen serviert werden: winzige Petit-Fours, in Pastelltönen glasiert, mit Schokocreme oder Sahne gefüllt, verziert mit Beeren oder Stückchen von marrons glacés.
Das süße Leben
Doch selbst wer sich ins Freie rettet, ist vor Versuchungen nicht gefeit: Turin ist die italienische Hochburg der Schokolade. Hier wurden im 18. Jahrhundert die gianduiotti erfunden, kleine Nougatstücke, die auf der Zunge zergehen. In den Vitrinen der Geschäfte liegen sie in Goldpapier gewickelt wie andernorts kostbare Juwelen.
Nur dumm, wenn man sich mit den Süßigkeiten den Appetit verdirbt. Denn im Piemont, jener trüffel- und weinverwöhnten Region, isst und trinkt man vielleicht in ganz Italien am besten. Der Stolz jeder Trattoria-Köchin sind die agnolotti, eine mit Braten gefüllte Ravioli-Art. Ein Klassiker: bollito misto, verschiedene gekochte Fleischstücke. Im Winter: bagna caoda, eine würzige Sauce aus Knoblauch, Olivenöl und Sardellen, in die Gemüse gestippt wird. Dazu fließt der Barbera, ein rustikaler Landwein. Edlere Tropfen sind Barolo und Barbaresco, denen das Piemont sein Renommee als Weinland verdankt.