Vorhang auf!
Spitzenlitzen und Endlosfransen – im erzgebirgischen Annaberg hat das Posamentieren Tradition.
Wie orientalische Tänzerinnen
Anna hätten wir im Erzgebirge nicht erwartet, gar zu exotisch mutet ihr Gewand an. Um den Leib bloß Kordeln geschlungen, Raff- statt Strumpfhalter. Goldene Quasten hängen wie Trauben von ihrem Schurz, und auf den nackten Brüsten wippen Fransen – die ganze Produktpalette der OPEW. Anna ist der Plakat gewordene Messeschlager. In der Fabrik der Obererzgebirgischen Posamenten- und Effekten-Werke klimpert es denn auch wie bei einer Truppe orientalischer Tänzerinnen – nur viel lauter. Es scheppert und rattert unermüdlich, während die Fäden von den Rollen fallen, zu festerem Band versponnen und zu Spitzenlitzen, festlichen Borten, schmucken Tressen und Endlosfransen werden. Der Boden vibriert, obwohl nur zehn Maschinen arbeiten. 98 Dezibel! Die Frauen tragen Ohrstöpsel.
Frauen-Handwerk
An der alten Salz- und Silberstraße liegt Annaberg-Buchholz, seit jeher Stadt der Bortenwirker, des Bergbaus und der Klöpplerinnen. Die Posamentiererei ist eines der ältesten Handwerke im Annaberger Land, bekannt seit dem 17. Jahrhundert und zumeist von Frauen ausgeübt: Seit Generationen stellen sie in Handarbeit Posamentierwaren her, jene zuweilen ein wenig plüschig wirkenden Vorhang-und Möbelverbrämungen. Ein von der Mode sehr abhängiges Gewerbe. Die schweren, kunstvollen oder fein seidenen Annaberger Gold- und Silberborten, mit denen die Berg- und Kaufleute Mitte des letzten Jahrhunderts ihre Kleidung verzierten, waren in aller Welt berühmt.
Aussterbende Gewerbe
Gegründet wurde das Unternehmen im Jahre 1867. Waldemar Wimmer hieß der Mann, der es auch durch Hochkonjunktur und spätere Inflation führte. 1953 wurde es zu einem VEB. Heute eine GmbH mit 200 Angestellten, werden fünf Lehrlinge zu „Schmuck-Textilherstellern“ – früher „Posamentierer“ – ausgebildet, und 20 Handposamentiererinnen stellen unter Beigabe von Metall traditionelle Polsterquasten und Vorhangraffhalter her. Sie alle halten das aussterbende Gewerbe am Laufen – mitsamt den alten Umspinn-, Flecht-, Galon- sowie Schnurenverseilmaschinen. Manche wurden zur DDR-Zeit im eigenen Betrieb gebaut, viele sind noch viel älter, einige wenige Spezialmaschinen kamen nach der Wende dazu. Die meisten der Handposamenten werden in Annaberger Haushalten in Heimarbeit hergestellt. Wir aber schauen den Frauen in der alten Fabrik zu: Zehn Minuten brauchen sie für einen Bommel, acht Stunden am Tag geht das so, alle zehn Minuten eine weitere Quaste, das flutscht wie am Schnürchen – und im Akkord. Zu viert sitzen die Frauen an einem Tisch, Kästen mit Bändern stapeln sich, rundum stehen Leimtöpfchen inmitten langer Regale voller Garnrollen, riesige braune Papiertüten voller Schnüre. Mit einem hölzernen „Fransenstöckel“ halten die Frauen die Kordeln straff und leimen die Fransen wie einen Mehrfachrock rund um die Holzformen, umschlingen das Ganze mit einem Spikatknoten. Dabei wird nicht nur nach fertigen Vorlagen gearbeitet, hier ist auch die Ideenküche der Werkstatt, Sonderwünsche werden erfüllt – wie Säbelquasten oder Verschlüsse für Joppen.
In der Handposamentiererei arbeiten auch heute noch hauptsächlich Frauen. Im 17. Jahrhundert befahl die Dresdner kurfürstliche Kanzlei den Posamentierern, „ihre Weiber und Töchter auf den Stühlen arbeiten zu lassen“.
Plüsch und Pomp
An den Maschinen stehen aber auch Männer. Peter, gelernter Posamentierer, ist seit 1965 im Betrieb. Er sorgt für den reibungslosen Ablauf an den Paspelmaschinen. Mehr als 20 Garnrollen rotieren schnurrend, ineinander fassend wie Zahnräder. Ein paar Fadenteile silbern, der Rest weiß. Gleich einem Spinnennetz laufen die Fäden zusammen und ergeben eine weiße Litze mit silberner Kante. Unermüdlich tanzen die Bänder, reibt sich der Faden und legt Staub wie Raureif auf die Maschinenteile. Herrliche Ungetüme sind diese stählernen Maschinen, wahre Urtiere der Industrie, ästhetische Wunderwerke der Mechanik. Nicht nur Bänder und Fransen mit und ohne Muster, Borten und Kordeln werden fabriziert, sondern auch Sicherheitsnetze für die Autoindustrie, Absperrnetze für Sportplätze und chirurgisches Nahtmaterial. Von Troddeln und Fransen allein kann das Unternehmen nicht existieren, war das Posamentieren doch schon zu DDR-Zeiten selten. Trotzdem ging es dem Betrieb gut damals, 3500 Menschen hatten Arbeit. Die Posamentiererei war nur ein Fertigungszweig, auch Uniformbesätze (Effekten) wurden hergestellt und außerdem sämtliche volkseigenen Kombinate mit Teppichen und Autobezügen beliefert. An Plüsch und Pomp herrscht in Deutschland zur Zeit nur wenig Bedarf. Ganz anders in Frankreich, wo ein Hersteller wie Houles ungebrochene Posamententradition verkörpert, oder auch in England, wo beispielsweise Colefax & Fowler oder sogar Tricia Guild auf eine stilbewusste, aber auch experimentierfreudige Klientel zählen können.
Infos:
OPEW Obererzgebirgische Posamenten- und Effekten-Werke GmbH & Co. KG Annaberg-Buchholz, Bahnhofstraße 1a, 09456 Annaberg-Buchholz, Tel.: 03733/810, Fax: 81 23, E-Mail: info@opew.de, Internet: www.opew.de; Verkaufsstelle „Posamenten-Truhe“: Bahnhofstraße 1a, geöffnet: Mo–Fr 9–17 Uhr, Sa 10–13 Uhr