Wo die Kamelien blühen
An drei Wochenenden im März stehen zahlreiche Privatgärten in der Lucchesia, dem Hügelland um Lucca, Besuchern offen. Denn dann geht es dort nur um eins: Camellia japonica.
Kamelien duften nicht!
Sie sind zinnober-, kirsch- oder korallenrot, rosafarben oder pink, reinweiß oder sogar mehrfarbig geflammt. Zartestes Pfirsichgelb ist eine begehrte Rarität. Die Form der Blüten reicht von einfach bis gefüllt, von anemonen- über rosen- bis päonienförmig, mit glatten, gewellten oder gefransten Blütenblättern. Doch wer sich beim Anblick all dieser Pracht unwillkürlich über die Blüte einer der zahlreichen wie traumhaft schönen Kameliensorten beugt und einen betörenden Duft erwartet, wird enttäuscht: Kamelien duften nicht! Noch nicht, denn seitdem man einige wohlriechende Wildformen entdeckte, wird seit mehr als vierzig Jahren versucht, Duft in die Kamelienblüten zu zaubern. Vereinzelt ist das Züchtern in den USA bereits gelungen …
Im prachtvollen Garten der Villa Nardi, nur wenige Kilometer südlich von Lucca, ist dies alljährlich im März auch ein Thema. Dann nämlich, wenn sich Besucher um die acht Meter Durchmesser des riesigen Kamelienbaums scharen. Er gehört zur Sorte „Diamantina“ und soll die größte und zudem älteste Kamelie der Lucchesia sein, vermutlich im Jahr 1771 gepflanzt. Nicht auszudenken, wenn all die rosaroten Blütenkaskaden auch noch duften würden!
Italienische Lebensart ...
Doch auch ohne olfaktorischen Kamelienrausch sind die lieblichen Hügel um das mittelalterliche Städtchen Lucca ein Genuss. Zumal wenn dort während der Blütezeit die Gärten zahlreicher Landsitze geöffnet sind. An diesen drei Wochenenden im angenehm milden März können Besucher nicht nur opulente Kameliensammlungen, sondern auch italienische Lebensart aufs Trefflichste studieren. Schließlich waren es lucchesische Kaufleute, die zwischen dem 15. und 19. Jahrhundert ihre Gewinne nicht nur in den Bau von Stadtpalästen in Lucca, sondern auch in den großzügiger Landsitze im Umland investierten, wo sie die Sommermonate verbrachten.
Kaufleute waren es auch, die die ersten Kamelien aus deren Heimat Ostasien im 18. Jahrhundert nach Europa brachten. Es heißt, sie sollen diese als vermeintliche Teepflanzen geschmuggelt haben, da sie hofften, so endlich das chinesische Teemonopol brechen zu können. Ob nun ein sprachliches Missverständnis oder aber die Gewieftheit der Chinesen dazu führte, dass sich anstelle der Teepflanze (C. sinensis) die ähnliche C. japonica im Gepäck befand – man weiß es nicht. Eine hübsche Geschichte ist dies jedoch allemal. Und dass es sich bei der Teepflanze nurmehr um eine Kamelienart handelt, ist ja noch immer recht unbekannt.
... und japanische Teezeremonien
Warum nun Kamelien ausgerechnet in die Lucchesia kamen, darüber gibt es viele Geschichten. Tatsache ist, dass die Pflanzen dort perfekte Bodenverhältnisse wie auch das passende Klima vorfanden und es in Italien besonders im 19. Jahrhundert als äußerst chic galt, sich der Pflege und Kultivierung von immer neuen Formen und Farben zu widmen. Manche Sammlungen umfassten Hunderte von Pflanzen. Tatsache ist aber auch, dass man später dann sogar versuchte, Tee anzubauen.
In den vergangenen Jahrzehnten ist die Passion wieder zu neuem Leben erwacht. Die Kamelientage in der Lucchesia stehen für diese Leidenschaft. Neue Züchtungen werden präsentiert, es gibt Verkaufsstände und Diskussionen, dazu Konzerte und Gartenbesichtigungen – und Teeverkostungen, inklusive einer echten japanischen Teezeremonie.
Weitere Informationen:
www.camelielucchesia.it (Info zur Kamelien-Ausstellung, Besichtigungen lucchesischer Gärten, begleitende Veranstaltungen)
www.kamelien.de (alles Wissenswerte über Kamelien, dazu weitere Links)
www.camellia-ics.org (The International Camellia Society)
Bücher:
„Kamelien“ von Michael von Allesch, Gisela Caspersen und Bernhard Knorr, Verlag Ellert & Richter (Oktober 2006), 224 Seiten,
„Kamelien. Die schönsten Sorten. Auswählen, Pflanzen, Pflegen“ von Peter Fischer, BLV Buchverlag (März 2005), 95 Seiten, 29,95 Euro
„Kamelien“ von Gerd Kierfeld, Christian Verlag (Januar 2004), 118 Seiten, 24,95 Euro
„Kamelien“ von Helga & Klaus Urban, Ulmer Verlag (Juli 2000), 112 Seiten, 14,90 Euro