
Fotos: Grand Hotel Castell
Wo die Kunst ins Hotel zieht
Ein Pferd in Gummistiefeln, ein seltsamer Turm und ein U-Bahn-Eingang ohne U-Bahn: Das Grand Hotel Castell ist auch ein modernes Erlebnis-Museum.
Von den Weiden klingt das Abendkonzert der Kuhglocken, ringsum schweigen sich die Dreitausender-Gipfel im letzten Tageslicht aus. Fehlt auf der Aussichtsterrasse über dem Engadin-Dorf Zuoz, auf der seit fast hundert Jahren das alpine „Grand Hotel Castell“ thront, eigentlich nur noch ein freudiges Wiehern: Wo in den Goldenen Zwanziger Jahren livrierte Diener die Herrschaften des europäischen Hoch- und Geldadels willkommen hießen, empfängt jetzt ein glänzender Gaul die Gäste. Die Vorderbeine des wohlgeformten Bronzetiers hat der Schweizer Künstler Roman Signer in hohe Gummistiefel gesteckt, was dem Pferd eine seltsam geschäftige Anmutung verleiht.
Seit der umfassenden Renovierung und Neueröffnung im Jahr 2004 zelebriert man in dem Gründerzeit-Gebäude „The fine art of relaxing“, so der Werbeslogan, auch mit Mitteln der Kunst: Im Hotel und in der Umgebung gehören Werke internationaler Gegenwartskünstler zu der Gesamtinszenierung. Die überwältigende Natur bildet den Rahmen für Kunstobjekte und gelungene Architektur. Der Schweizer Olaf Breuning zum Beispiel hat die Anhänger der Zimmerschlüssel in Form eines Ohres oder eines Tintenfischs entworfen. Herzstück des Hotelinterieurs bildet die Rote Bar der Multimediakünstlerin Pipilotti Rist und der Architektin Gabrielle Hächler. Der Japaner Tadashi Kawamata schuf für die Außenbereiche das „Felsenbad“ mit einem Saunahäuschen und dem von einem Holzdeck umgebenen Wasserbecken sowie die große Sonnenterrasse.
Während andernorts Nobelherbergen aus der Frühzeit des alpinen Tourismus der Abrissreife entgegenbröckeln, gelang im schweizerischen Zuoz die Wiedergeburt der gehobenen Gastlichkeit mit einem klugen Plan. Die neuen Besitzer um den Hauptaktionär und Zürcher Kunstsammler Ruedi Bechtler finanzierten die Sanierung des imposanten fünfstöckigen Hotelgebäudes mit dem Verkauf von 17 luxuriösen Lofts in einem Neubau gleich neben dem „Castell“. Der moderne Stil des Apartmenthauses „Chesa Chastlatsch“ prägt nun auch die Innenräume des Altbaus, denn das Amsterdamer UN Studio von Ben van Berkel und Caroline Bos gestaltete dort den Hamam im Souterrain mit seinen suggestiven Farblicht-Sphären und die Hälfte der Hotelzimmer. Wer sich lieber mit Engadiner Arvenholz als mit urbanem Flair umgibt, ist in einem Hotelzimmer des einheimischen Architekten Hans Jörg Ruch gut aufgehoben, der den traditionellen Stil der Region fürs 21. Jahrhundert fit gemacht hat und für das Hotel Castell wunderbare Räume der Ruhe entwarf.
Ob auf den Zimmern, in den Gängen oder im Speisesaal, vor dem Kamin oder im „Damensalon“ – die entspannte Stimmung, das friedliche Miteinander von Altem und Neuem ist ein perfekter Rahmen für die Beschäftigung mit den vielen Gesichtern der Kunst. Es gibt eine Bibliothek, in der man neben Büchern auch seltene Kunstvideos ausleihen kann. Es gibt Art Weekends, die Begegnungen mit jenen Künstlern bieten, die im Haus vertreten sind. Und immer wieder treffen die Gäste im „Castell“ auf Fotos, die aus einem Videoprojekt mit den Menschen, die hier arbeiten, stammen: Der Filmemacher Thilo Hoffmann hat das internationale Personal des Grand Hotels in 30-Sekunden-Porträts eingefangen und damit gleichzeitig ein Bild des Ganzen geschaffen (www.thilohoffmann.com).
Bei einem Spaziergang ist man in Madulain vielleicht auf den schräg in die Landschaft gestellten weißen U-Bahn-Eingang des Martin Kippenberger nahe des Schienenstrangs der Rhätischen Bahn gestoßen. Etwas unterhalb des Hotels entfaltet James Turrells begehbare Skulptur „Skyspace“ in Form eines steinernen Rundbaus ihre betörende Wirkung: Oben rahmt die kreisrunde Öffnung den Himmel mit seiner Unendlichkeit der Farben, in der Sichtachse umschließt das Eingangstor den gravitätischen Piz Uter. Die Kunst des Hotels Castell macht sich nicht wichtiger als die großartige Natur ringsum. Das ist gut so – und die Basis des erfolgreichen Konzepts.
Information:
Grand Hotel Castell: CH-7524 Zuoz, Tel. 0041/81/851 52 53, Fax 851 52 54, info@hotelcastell.ch
Doppelzimmer inkl. Frühstücksbüfett und Zutritt zum Hamam zwischen 137 und 224 Euro, Suite 243 bis 262 Euro.
Das Restaurant bietet mit seinem „Freestyle-Cooking“ einen außergewöhnlichen Mix aus regionaler wie asiatischer Küche, den der Gault Millau mit 13 Punkten auszeichnete.
In der Roten Bar werden kleine Speisen serviert.
Mehr Infos unter www.hotelcastell.ch