
Foto: Kumicak + Namslau
Haferflocken
In den meisten Speisekammern dämmern sie im Dornröschenschlaf vor sich hin. Einmal aufgeweckt, sind Haferflocken märchenhaft vielseitig.
Wer sich schwer damit tut, einzelne Getreidesorten auf dem Feld zu erkennen, dem wird der Hafer (engl.
oat, frz.
avoine) wohl am ehesten ins Auge stechen. An den Halmen der 0,5 bis 1,5 Meter hohen Pflanze wachsen Ähren, die nach der Reife herabhängen und ihr das typische, leicht büschelige Aussehen verleihen. Noch bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts war Hafer sprichwörtlich in aller Munde.
Vor allem als Grütze bildete er lange Zeit die Ernährungsgrundlage eines Großteils der Bevölkerung. Erst als das Leben durch sinkende Brotgetreidepreise für alle etwas knuspriger wurde, verlor er diese monopolähnliche Stellung. Das bekannteste Haferprodukt unserer Zeit sind die Haferflocken. Hierfür werden die Körner nach Größe sortiert und entspelzt. Das Ergebnis erhitzt man in der Darre, wobei das typische nussartige Aroma entsteht. Ihre Flockenform bekommen sie schließlich zwischen zwei glatten Metallwalzen.
Der Verzehr von Haferflocken trägt entschieden zu unserem Wohlbefinden bei. Das Getreideprodukt, das schon auf dem Speiseplan von Kleinstkindern seinen festen Platz hat, enthält überdurchschnittlich viele Aminosäuren, ungesättigte Fettsäuren sowie Vitamine (z. B. Biotin und Vitamin K). Die wohlschmeckenden Flocken sind zudem wertvolle Lieferanten wichtiger Mineralstoffe wie Magnesium, Eisen und Zink.
Das unscheinbare Dasein, das sie in der Regel in unseren Vorratskammern fristen, ist schlagartig zu Ende, sobald sie in die Hände eines fantasievollen Kochs geraten: Ein Kartoffelgratin krönen sie mit knuspriger Kruste, und Frikadellen – vor dem Braten in ihnen gewälzt – glänzen in einer besonders appetitlichen Farbe. Haferflocken lassen sich zu vegetarischen Bratlingen verarbeiten und machen Nussplätzchen zu einer vollwertigen Köstlichkeit.
Sie entfalten ihren vollen Geschmack hervorragend in einem Nuss-Hafer-Brot, als Haferflockenauflauf mit Kakao helfen sie, den quengeligen Nachwuchs an den Tisch zu locken, und als Appenzeller Haferflockensuppe machen sie den Käsefreund froh. In England und Schottland ist der Porridge genannte Haferbrei ein tägliches Muss. Seine wohltuende Wirkung fasst man auf der Insel mit einem kurzen „It keeps you going“ zusammen.
Erheblich besser, als ihr Name vermuten lässt, schmeckt eine sorgfältig zubereitete Haferschleimsuppe, die außer unseren Flocken nicht mehr enthalten muss als Wasser, Brühe und ein paar frische Kräuter. Nicht zuletzt ergeben Haferflocken mit Milch, Joghurt, zerdrückter Banane oder Obstsaft ein leckeres, blitzschnelles Frühstück, das lange vorhält.
Mittlerweile wissenschaftlich belegt ist übrigens, dass die vitalstoffreiche Vollwertkost dank der günstigen Kombination ihrer wohltuenden Bestandteile positive Auswirkungen auf Stimmung und Antriebskraft des Genießers hat.
Daher auch der Ausdruck „jemanden sticht der Hafer“. Heute würde man sagen: „Dem geht’s wohl zu gut!“
Text: Hans Kantereit