Kartoffeln - Sieglinde und ihre tollen Schwestern
Sie ist vielseitig, genügsam, geduldig, aber nicht gerade ansehnlich. Von den Engländern wurde sie einst gar als vulgär verunglimpft, von den Deutschen als Urheberin von Pest und Lepra, von der Kirche als Teufelswerk.
Die Obrigkeit drohte ihretwegen mit drakonischen Strafen. Bis heute wird sie gequetscht und gedämpft, gehobelt und geschnitten, gestampft und – heißgeliebt. Die Kartoffel.
Schön ist sie nicht ...
Linda und Nicola, Christa, Gloria und Roxy, Irmgard, Adretta und Selma: Wie kommt es eigentlich, dass beinahe alle Kartoffelsorten weibliche Namen tragen? Joachim Witte, Vorsitzender des Kartoffelgroßhandels in Sachsen-Anhalt, behauptet, der Verkaufserfolg hänge mehr von einem wohlklingenden Namen ab als vom Geschmack. Wie auch immer – die Kartoffel besitzt viele Qualitäten, die traditionell gern dem weiblichen Teil der Bevölkerung zugeschrieben werden. Denn sie ist mild und anpassungsfähig, anspruchslos und geduldig: Ob gequetscht, gedämpft oder gehobelt, ob geschnitten oder gestampft – sie wird weder bitter noch sauer. Im Gegenteil, selbstlos nimmt sie fremde Aromen auf, verstärkt und unterstützt sie und trägt zu deren vollkommenen Entfaltung bei. Nur schön ist sie nicht, die gute, alte Knolle. Hat eine raue Schale und einen faden Teint, manchmal leicht rötlich, mit Pusteln und Beulen. Deshalb musste sie so lange mit hässlichen Vorurteilen kämpfen, bis die Menschheit lernte, sie wegen ihrer inneren Werte zu lieben.
... aber sehr gesund!
Die Kartoffel ist sehr gesund und enthält fast alles, was der menschliche Organismus braucht: Kohlehydrate, Eiweiß, Vitamin B und C sowie eine Menge wichtiger Mineralstoffe. Schon 300 Gramm Pellkartoffeln decken zum Beispiel den täglichen Kaliumbedarf zu 80 Prozent, den Eisenbedarf zu 21 Prozent. Sie macht nicht dick – 100 Gramm enthalten knapp 70 Kalorien, weniger als ein Apfel. Die gleiche Menge Reis enthält viermal soviel. In 132 von 167 Nationen wird sie kultiviert. Man kann sie fast überall anpflanzen, genügend Feuchtigkeit vorausgesetzt. Das Ergebnis sind rund 270 Millionen Tonnen Kartoffeln, die heute weltweit geerntet werden. Eine Menge, mit der eine vierspurige Autobahn um die Welt sechslagig bedeckt werden könnte.
Alte Knolle!
Bei uns ist die Kartoffel das meist verzehrte Gemüse: 12 Millionen Tonnen essen die Deutschen pro Jahr, 75 Kilogramm pro Kopf beziehungsweise Magen. Und das bezieht sich nur auf frische: Hinzu kommen noch 39 Kilogramm weiter verarbeitete Produkte wie Chips und Pommes frites. Ein wahrer Triumphzug, wenn man bedenkt, dass der alte Fritz vor 250 Jahren den Anbau von Kartoffeln per Gesetz erzwingen musste. Erstmals tauchte sie 1540 in Europa auf. Die Konquistadoren um Francisco Pizarro brachten sie mit ihren Galeeren aus der Neuen Welt nach Spanien. Archäologen fanden heraus, dass die Kartoffel in den Anden bereits 3000 bis 4000 Jahre vor unserer Zeitrechnung zum Speiseplan gehörte. In Grabstätten an der Nordküste Perus wurden sogar 8000 Jahre alte Knollenfragmente - „papa“ genannt - gefunden. Aus „papa“ wurde „batata“ und im Lauf der Jahre „patate“. Die Bezeichnung Kartoffel entstammt dem italienischen Begriff „tartouphli“, der in Deutschland zu „Tartüffel“ mutierte – und schließlich eben zu „Kartoffel“.
Hartes Reglement!
Heute sind rund 3000 Kartoffelsorten bekannt, in Deutschland sind etwa 100 zugelassen, und etwas mehr als 20 gelangen regelmäßig in den Handel. Auf den Markt kommen nur gesunde, feste und praktisch saubere Kartoffeln. Natürlich geht es hierzulande nicht ohne Reglementierung: Es gibt so etwas wie einen TÜV für Kartoffeln. Speisekartoffeln der Klasse Extra I zum Beispiel müssen einen Mindestdurchmesser von zirca drei Zentimetern aufweisen. Sehr frühe und Frühkartoffeln kommen ab Ende März bis Juni/Juli in den Handel (Hela, Sieglinde) und sind vorwiegend festkochend. Mittelfrühe Sorten werden ab Anfang August bis Mitte September geerntet. Clivia, Granola, Grata und Hansa sind vorwiegend festkochend, Irmgard ist mehlig. Spätkartoffeln werden von Mitte September bis Ende Oktober geernet und sind meist mehlig (Datura, Maritta).