Und das bedeutet – neben Schokolade, die eigentlich unter den Suchtgift-Paragraphen fallen müsste – vor allem auch Bier. Wunderbares, herrliches, weltmeisterliches Bier. Gezapft von Wirten, deren Können durch eine weltweit einzigartige Institution, nämlich das belgische „Amt für die Servierkunst von Bier“, geschult wird. Und unters Volk gespült von Lokalen, die genauso gut als Wohnzimmer durchgehen könnten. Bauchig, tailliert, länglich und schmal kommen die Gläser daher, als Bourgogne-Kelche, Trappist-Becher und Tulpengläser, vor allem aber als unübersehbare Zeugnisse einer nationalen Bierkultur, die heute 1500 Markennamen und rund 400 verschiedene Geschmacksrichtungen differenziert. Von den Farben gar nicht zu reden: Hellblond und bernsteinfarben, dunkelbraun bis schwarz, hell- bis dunkelrosa und sogar bordeauxrot leuchten einem Belgiens Biere entgegen. Seitdem das Land in den späten 70er Jahren von Leuten wie dem britischen Bier-Guru Michael Jackson (weder verwandt noch verschwägert) enthusiastisch progagiert wurde und in der Folge ins Zentrum der Weltbierkarte vorrückte, wuchs auch das ergänzende Angebot. Im Lauf der Zeit entstand eine vielfältige bierige Infrastruktur, was Brauereimuseen in Brügge, Brüssel und Bocholt in Limburg, ferner ein eigenes Hopfenmuseum im westflämischen Hopfenanbauzentrum Poperinge und die florierende Brauereibesuch-Szene bestätigen. Gerade Letztere treibt Bierliebhaber aus aller Welt denn auch aufs platte, von Pappelalleen und Deichen durchkreuzte Land hinaus – in jenes Belgien, das bei der strammen Brüssel-Antwerpen-Brügge-Visite zumeist jenseits der Autobahnränder übersehen wird.
Festgeschraubt am Tresen der Cafés und Brasserien muss keiner der Biertempler bleiben, die Flandern, aber auch andere Teile des Landes nach Bieretiketten durchforsten. Dafür sorgen diverse Rad- und Wanderrouten, die in verschiedenen Teilen des Landes lokale Brauereien verbinden. Die Sezoensroute im Herzen von Limburg zählt dazu und natürlich auch Herzstücke der belgischen Bierkultur wie die Region Klein-Brabant-Vaartland mit dem dazugehörigen hellblonden Duval-Bier. Hier im Kernland der brabantischen Biere, die mit einem traditionell hohen Bestandteil an Weizen gebraut werden, begann einst die Offensive der früher rein lokal orientierten belgischen Brauereien.
Bis zum ersten Weltkrieg war die Anlieferung des guten Biers auf die Tagesetappen der kräftigen Brauereipferde beschränkt, vierzig Kilometer hin und zurück im höchsten Fall, die die Bierkutscher an einem Tag schafften. Differenziert hatte sich das Brauen in Belgien schon im 17. Jahrhundert, und so zählte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit über 3000 Brauereien, deren Kupferkessel während des Ersten Weltkriegs eingeschmolzen wurden. Viele Wagenparks gingen in jener Zeit den Deich runter und auch Belgiens Braukultur, wenigstens ein bisschen. Bis 1986 musste man durchhalten. Just mit der Neuentdeckung eines Weißbiers, des Hoegaarden, ging es schließlich wieder bergauf. Darauf verweist heute auch der Etikettenschwindel, mit dem niederländische oder japanische Hersteller auf belgische Brautechnik verweisen. Und darauf verweist die bewusst kleine Produktion vieler Minibrauereien, denen Qualität häufig vor Quantität und Marketing-Offensive geht. Wer die echten Abteibrauereien besucht, also nicht die großen, die Abteibiere in Lizenz produzieren, versteht dies auf Anhieb.
Die Gemäuer der berühmten Brauklöster von Chimay, Orval, Rochefort, Westmalle geben sich heute abweisend. Die westflandrische Abtei Westvleteren verzichtet sogar ganz auf Etiketten. Wer hier am Pult mit dem Schildchen „Bierverkoop“ vorstellig wird, bekommt lediglich schwarze Flaschen mit blauer oder gelber Kapsel in die Hand gedrückt – die legendären schwarzen, ungefilterten, malzigen # 8 und # 12. Westvleteren produziert gerade 500.000 Liter im Jahr und damit immer noch fünfmal soviel wie die letzte Brüsseler Familienbrauerei Cantillon. „Man nennt uns die Lambiek-Fundamentalisten“, erzählt dort, nicht ohne Stolz, Jean-Pierre Van Roy, der betagte Braumeister von Cantillon. Die zur Gänze aus dem Jahr 1900 stammende Ausstattung des Betriebs stellt die Liebe zur alten Brüsseler Brautradition jedenfalls nicht in Frage. Maischebottich, der kupferne Kochkessel, Keller mit altvorderen Bierfässern aus Eichen- und Kastanienholz – nichts spricht dagegen, dass die Brauerei gleichzeitig als durchnummeriertes Museum besucht werden kann, was ja auch der Fall ist. Unsichtbar bleiben lediglich die nur in Brüssel und dem angrenzenden Pajottenland durch die Luft schwirrenden wilden Hefepilze, die das in „Spontangärung“, also ohne Zugabe von Hefe gebraute Cantilloner Lambic-Bier erst ermöglichen. Eine Kostprobe des durch Früchtezusatz geadelten „Champagners der Biere“ gibt es natürlich am Ende der Brauereirunde: mit Kirschen versetztes Kriek etwa, Aprikosen-Bier Fou Foune oder das himbeerige Rosé de Gambrinus. Wer mag, kann sich von Madame Vam Roy auch einige Gläser Biermarmelade einpacken lassen. Zur Wildsaison. Oder fürs Picknick.