Zwei entscheidende Entwicklungen prägten den Weinbau Bulgariens. Ab den 1950er-Jahren produzierte das Land vor allem preiswerten Alltagswein für die damalige Sowjetunion – später auch für den Westen. 1966 war Bulgarien das sechstgrößte Weinexportland der Welt, und bis heute wird fast die Hälfte des Weins im Ausland verkauft. Durch die Anti-Alkohol-Politik Gorbatschows in den 1980er-Jahren waren der Weinexport gewaltig zurückgegangen und als Folge Weingüter vernachlässigt oder ganz aufgegeben worden. Mit der Privatisierung der ehemals staatlichen Weinbaubetriebe und Abfüllanlagen kamen millionenschwere Investoren aus Japan, den USA und Westeuropa und neuerdings aus Russland ins Land.
Anfang der 1980er Jahre hatte Bulgarien mit sauberen, ungewöhnlich lebendigen Cabernet Sauvignons – immerhin eine der internationalsten Rebsorten – weltweit Aufsehen erregt. Noch heute verfügt das Land über eine größere Cabernet-Sauvignon-Anbaufläche als Kalifornien. Auch weitere internationale Rebsorten wie Merlot, Chardonnay und Sauvignon Blanc hat man inzwischen großflächig angebaut. Cabernet Sauvignon und Merlot wachsen hauptsächlich im Thrakischen Tal südlich des Balkangebirges (Stara Planina). Sie werden in den Kellereien Blueridge (von Australiern entworfen), Slaviantzi, Sliven und Iambol verarbeitet.
In dem Ort Iambol am Fluss Tundza liegt auch die im Jahr 1991 gegründete Domaine Boyar, dessen fruchtig-samtige Chardonnays, Merlots und Cabernet Sauvignons bereits einen festen Platz im deutschen Handel haben. Weiter südlich produziert die Kellerei Haskovo schöne und weiche Merlots. Das Tal der Rosen, südlich des Balkangebirges, ist nicht nur bekannt für die dort gezüchteten Damaszener Rosen für Rosenöl, sondern auch für duftige Weine: roten Misket (eine Kreuzung aus Dimiat und Riesling), Muskateller und Cabernet Sauvignon. Während die meisten Kellereien nicht über eigene Rebflächen verfügen, arbeiten Svishtov und Rousse an der Donau im Osten des Landes überwiegend mit eigenen Trauben. Das gilt auch für Suhindol am Fluss Yantra, dem ersten bulgarischen Weinbaubetrieb, der nach dem Sturz des kommunistischen Staats- und Parteichefs Todor Shivkov am 10. November 1989 privatisiert wurde.
Wenn es um Weißwein geht, haben die kühlen Regionen Shumen und Preslav im Nordosten und Pomorie an der heißen südlichen Schwarzmeerküste die Nase vorn: frischer Rkatsiteli (aus Georgien), süffige Dimiat und Pamid, duftiger Muscat Ottonel und prickelnder Aligoté, die zweitwichtigste Rebsorte Burgunds. Aus der Kellerei Damianitza in Melnik im warmen Südwesten, an der Grenze zu Griechenland und Mazedonien, kommt der wohl originellste Wein Bulgariens: Er heißt Shiroka Melnishka Losa, „die breitblättrige Rebe von Melnik“, kurz Melnik genannt – ein duftiger, kraftvoller, zum Teil erstaunlich süßer und eindrucksvoller Tropfen, der lange in alten Eichenfässern ausgebaut wird