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TRINKGESCHICHTE
Weinstöcke in Südafrika
Hoffnung am Kap
Trotz jahrhundertelanger Tradition, vieler erfolgreicher Epochen und einiger veritabler Krisen begann mit dem Ende der Apartheid in Südafrika auch eine neue, experimentelle Ära des Weinbaus, deren Erfolge man jetzt schmecken kann.


„Vergessen Sie alles, was Sie über Südafrika aus Romanen, Tierfilmen und Lifestyle-Magazinen erfahren haben, schauen Sie sich am besten selbst einmal an, wie wir hier Wein machen“, fordert mich Rolf Zeitvogel am Telefon auf. Seit 2003 ist der gebürtige Badenser Estate Manager und Winemaker bei Blaauwklippen Vineyards im südafrikanischen Stellenbosch. In nur wenigen Jahren hat der studierte Kellermeister aus der zwar alten (1690 gegründet!), aber in Weinkreisen eher bedeutungslosen Farm des Münchner Unternehmers Stefan Schörghuber (u. a. Arabella Hotels, Paulaner Brauerei, Flugzeug-Leasing, Bayerische Immobilien Gruppe) ein Musterweingut aufgebaut.

Neue Reben und traditionelle Kap-Küche

Einige Monate und elf Flugstunden später sitze ich neben einem strahlenden Rolf Zeitvogel im Pferdewagen und fahre mit ihm über den „blauen Granit“ des 80 Hektar großen Weinguts Blaauwklippen. Zeitvogels Augen leuchten, wenn er erzählt, was er, sein Kollege Piet Geldenhuys und die 120 Mitarbeiter in den letzten Jahren alles geschafft haben: die alten Zinfandel-Reben herausgerissen und durch neue Klone aus Kalifornien ersetzt, zwischen den Rebreihen Gras eingesät, neue Methoden des Rebschnitts eingeführt, den alten Keller mit dem Stroh-Lehm-Dach restauriert, die alten, großen Eichenfässer mit Glasfaser ausgekleidet, das Sortiment von 27 auf neun Weine reduziert und und und … Jetzt zeigt sich das Weingut mit Haupthaus im kapholländischen Stil in seiner ganzen Schönheit, mit gepflegten Gärten und Rasenflächen, die im Sommer zum Picknick einladen, mit einem modernen Besucherzentrum, Kutschenmuseum und einem Restaurant mit traditioneller Kap-Küche.

Jeder kann überall Wein anpflanzen

Die Aufbruchstimmung in Blaauwklippen ist symptomatisch für die gesamte Weinindustrie Südafrikas. Überall wird restauriert und modernisiert, alte Reben werden ersetzt, neue Weingüter gegründet und weitere Rebflächen angepflanzt. Dank eines sehr liberalen Weingesetzes kann im Prinzip jeder überall Wein anpflanzen – vorausgesetzt, das Klima spielt mit. Beschränkungen hinsichtlich der Rebsorten, wie in Europa üblich, gibt es in Südafrika nicht. Folglich findet man die ganze Bandbreite französischer, italienischer, spanischer und deutscher Trauben, von Cabernet Sauvignon, Chardonnay, Chenin Blanc und Colombard bis hin zu Merlot, Sauvignon Blanc, Shiraz und Zinfandel sowie die einzige autochthone Rebsorte Südafrikas, den Pinotage – eine Kreuzung aus Cinsault und Pinot Noir.

Jugendliche Unbekümmertheit

Zahlreiche Weingüter unterhalten Mustergärten, in denen sie verschiedene Rebsorten testweise anbauen. Stilistisch orientieren sich viele südafrikanische Winzer an den Weinen Europas, mit Vorliebe an jenen aus dem französischen Bordeaux. Mit geradezu jugendlicher Unbekümmertheit imitiert man die Weine, die man an der Rhône, im Burgund, im Languedoc oder im kalifornischen Napa Valley gut findet – oder erfindet einen eigenen „Cape Style“, in dem der Pinotage eine wichtige Rolle spielt. Seit Anfang 1998 ist André van Rensburg Winemaker auf Vergelegen Estate in Somerset – und wie Rolf Zeitvogel ein Qualitätsfanatiker. Die Trauben für seine Weine kommen von vier verschiedenen Farmen und werden teilweise 400 Kilometer gekühlt mit dem Schiff transportiert. Die Mühe lohnt sich: 2005 wurde Vergelegen vom US-Magazin „Wine Enthusiasts“ zur „New World Winery of the Year“ gewählt. Über den Titel kann van Rensburg nur lachen, denn Vergelegen wurde im Jahre 1700 gegründet. Und Jan van Riebeeck von der Holländisch-Ostindischen Gesellschaft kelterte bereits am 2. Februar 1659 die ersten Trauben in der Table Bay, wie die Bucht unterhalb des Tafelbergs von Kapstadt damals genannt wurde. „Der Herr sei gepriesen“, notierte er dankbar in sein Tagebuch.

„So duftet gute Erde!“

Südafrikas Weinregion umfasst 101 607 Hektar (Stand 2005) und reicht 800 Kilometer weit von Lutzville im Nordwesten rund um das Kap der Guten Hoffnung bis nach Knysna ganz im Südosten. Der Anteil der roten Rebsorten liegt gegenwärtig bei 45,7 Prozent, Tendenz steigend. 2005 produzierte das Land rund 15 Millionen Hektoliter Wein, davon zwei Drittel Qualitätsweine. 2,8 Millionen Hektoliter wurden exportiert, hauptsächlich nach Großbritannien, in die Niederlande, nach Deutschland, Schweden und in die Vereinigen Staaten von Amerika. Zentrales und aktuelles Thema in der südafrikanischen Weinwirtschaft ist der integrierte Anbau, denn man will die natürlichen Ressourcen erhalten und die Umwelt schützen. Mit beachtlichem finanziellen Aufwand werden versteppte Landschaften von „Aliens“ befreit – das sind Pflanzen, die sich aus anderen Ländern in Südafrika ausgebreitet haben – und renaturalisiert. Marco Ventrella, Viniculturist bei Graham Beck Wines in Franschhoek und zuständig für Boden, Reben und Bewässerung zeigt stolz auf kleine Blumen und Gräser, die zwischen den Rebreihen wachsen. Er nimmt eine Handvoll Erde, riecht daran und hält sie mir hin: „So duftet gute Erde!“

„Wein ist nicht nur ein Getränk, Weintrinken ist ein Lebensstil“

Fast alle Winzer Südafrikas betreiben inzwischen integrierten Weinbau, sparen beim Wasserverbrauch und dem Einsatz von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln. Nirgends wird so offen und ehrlich über das Für und Wider von Weinzusätzen gestritten wie hier, wo die Zugabe von Zucker verboten, aber die von Säure erlaubt ist. Wer darauf verzichten will, baut seine Weißweintrauben in kühleren Gegenden in Meeresnähe an – oder steigt gleich auf Rotwein um und hat dann das Problem von 15 und mehr Prozent Alkohol. „Wein ist nicht nur ein Getränk, Weintrinken ist ein Lebensstil“, erklärt Adi Badenhorst, seit 1999 Winemaker bei Rustenberg Wines in Stellenbosch, und erzählt von den besonderen Aromen, die den Trauben von der Sonne, besonders am Morgen und am Abend, geschenkt werden.

Weitere Information:
Südafrika Weininformation, Fremersbergstr. 29, 76530 Baden-Baden, Tel. 072 21/396 32 30, www.suedafrika-wein.de

Wines of South Africa, P. O. Box 987, Stellenbosch 7599, Tel. 00 27/21/883 38 60, www.wosa.co.za


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