Schroffe Steilküsten wechseln mit sanft zum Meer hin abfallenden weißen Stränden. Am Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt der Alten Welt, endet das europäische Festland 144 Meter über dem Atlantik. Im hügeligen Hinterland zeigt die Natur ihre ganze grüne Üppigkeit. Aufgrund des milden Klimas weisen zum Beispiel Sintra, die ehemalige Sommerresidenz der portugiesischen Könige, und seine Umgebung die reichste Vegetation Südeuropas auf. Wir befinden uns in der Estremadura, mit 60 000 Hektar Rebfläche das größte Weinbaugebiet Portugals. Von den Einheimischen früher nur Oeste (Westen) bezeichnet, erstreckt sie sich nordwestlich von Lissabon 170 Kilometer entlang der Atlantikküste bis kurz vor die altehrwürdige Universitätsstadt Coimbra. Malerische kleine Seebäder und Fischerdörfer schmiegen sich in die unzähligen Buchten, im Inneren prägen Landwirtschaft und Weinanbau die Landschaft. Die Nähe des Atlantiks sorgt für angenehme Kühle und ausreichende Niederschläge, so dass es nie so unerträglich heiß wird wie in einigen Regionen der iberischen Halbinsel.
Estremadura ist ein Land der Genossenschaften. Schätzungsweise 50 000 Winzer mit zumeist nicht mehr als einem Hektar Rebfläche prägen die Region und machen sie zu einer der produktivsten Portugals. Darunter finden sich immer mehr ambitionierte kleine Betriebe, die auf internationale statt regionale Rebsorten setzen. Dabei braucht sich die Region seiner traditionellen Weine nicht zu schämen – im Gegenteil. Schon Thomas Jefferson trank Bucelas, als er von 1785 bis 1789 Gesandter in Frankreich war. Dieser frische, nach Zitronen und Pfirsich duftende Weißwein wird überwiegend aus der Arinto-Traube gekeltert, die rund 25 Kilometer nördlich von Lissabon auf sehr lehmigen, warmen Böden wächst und trotzdem ihre Säure behält. Die Estremadura hat vor allem mit ihren frischen, nach Limetten duftenden Weißweinen einen guten Ruf erworben. Die Rotweine sind vollmundig und erfreuen sich aufgrund ihres eigenständigen Charakters zunehmender Beliebtheit.
Aus der kleinen Region Colares, 25 Kilometer nordwestlich von Lissabon, kommt ein Wein, der fast schwarz und sehr tanninreich ist und – wie Kenner behaupten – zur Reifung so lange braucht wie ein Bordeaux vor 100 Jahren, dann aber wunderbare Aromen von Schwarzen Johannisbeeren entwickelt. Er wird aus Ramisco-Reben gemacht, die in windgepeitschten Sanddünen direkt am Meer wachsen. Da die Reblaus Sand meidet, sind alle Rebstöcke noch wurzelecht, also nicht aufgepfropft. Die knorrigen, alten Äste erinnern an Treibholz und tragen kleine Bündel intensiv blauer, dickschaliger Trauben.
Gegenüber von Lissabon, zwischen den Mündungsarmen der Flüsse Tejo und Sado, liegt die Halbinsel Setúbal, seit 1907 mit einem DOC-Status geadelt. Früher war Setúbal nur über eine Fähre oder einen 180 Kilometer langen Umweg von der Hauptstadt zu erreichen, heute erleichtern zwei Brücken über den Tejo die Anreise. Vom Atlantikwind gekühlte Lehm- und Kalksteinhügel an der Küste und fruchtbare, warme Sandebenen im Landesinneren prägen die Landschaft und den berühmtesten Wein dieser kleinen Region: Der Moscatel de Setúbal zählte zu den Lieblingsweinen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. Das belegen noch heute die Kellerbücher in Versailles. Es ist ein voller, dichter, bernstein- bis orangefarbener Dessertwein aus der Rebsorte Muscat d’Alexandrie, einst von den Phöniziern ins Land gebracht. Nach vielen Jahren Fassreifung entfaltet er einen verführerischen Duft von Rosinen, Rosenblättern, Holunderblüten und Orangenschalen. Sein Geheimnis liegt in der besonderen Herstellung, denn dem bereits mit Alkohol versetzten Wein werden Traubenschalen zugegeben. Erst dadurch entwickelt er seine intensiven Aromen.
Unter fachkundiger Anleitung internationaler Önologen begann in den 1980er Jahren eine grundlegende Modernisierung des Weinbaus, der 1999 zur Ausweisung eines zweiten DOC-Gebiets mit dem Namen Palmela führte. Heute ist die Region für ihre hervorragenden Tafelweine bekannt: moderne, fruchtige, zumeist trockene Weiße aus Chardonnay oder Fernão Pires sowie mittelschwere, überaus zugängliche Rote aus den heimischen Periquita-, Espadeiro-, Bonvedro- und Tinta-Miúda-Trauben. Daneben sind auch verstärkt internationale Rebsorten wie Cabernet Sauvignon und Merlot im Kommen.
Nordöstlich von Lissabon, entlang des Tejo, erstreckt sich die DOC-Region Ribatejo, das landwirtschaftliche Herzstück Portugals. Dank des milden Klimas, ausreichend Niederschlag, einem weit verzweigten Bewässerungssystem und weiten Ebenen mit fruchtbarem Schwemmland gedeihen Obst und Gemüse in geradezu paradiesischer Vielfalt und prägen das Gesicht der Landschaft. Die Reisterrassen in den Niederungen des Tejo dagegen vermitteln ein fast asiatisches Bild. Der Ribatejo zählt zu Portugals wichtigsten Weinbauregionen. Seine eigenständige Tradition gründet sich in erster Linie auf fruchtig-erdige Weißweine mit feinen Zitrusaromen – überwiegend aus den Rebsorten Fernão Pires und Tália –, die einen Großteil der Produktion ausmachen. Ihren Ruf für hervorragende Weine verdankt die Region jedoch den Rotweinen aus Castelão Nacional-, Trincadeira-Preta- und Periquita-Trauben, die es ausschließlich in Portugal gibt.
Es gibt viel zu entdecken, Vinho Verde, den erwachenden Riesen im Norden, oder Alentejo, das Blumenmeer im Süden, Dão mit seinem urwüchsigen Charme oder Douro, die Heimat des Portweins. Dann also bis zum nächsten Besuch in Portugal …
In der "zu tisch"-Getränkedatenbank finden Sie zahlreiche Verkostungsnotizen und Speiseempfehlungen zu portugiesischem Wein.
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