
Foto: Veit Hengst
Adel verpflichtet
Das Weingut Schloss Proschwitz avancierte binnen weniger Jahre zum Aushängeschild sächsischer Weinkultur: Georg Prinz zur Lippe knüpft an Familientraditionen an.
Wenn sich der Sommer seinem Ende zuneigt, beginnt für Walter Beck die große Zitterpartie. Meldungen über „Schauerneigung“ oder „Temperaturabfall“ in den Wettervorhersagen versetzen den Chef der Weinberge sofort in Alarmbereitschaft. Dabei gilt es immer, sorgfältig abzuwägen, ob die Trauben genug Süße und auch genug Säure haben. Und ob nicht etwa Feind Nummer eins, die Schimmelfäule, droht.
„Ein bisschen Pokern ist erlaubt, aber man muss das Risiko einschätzen können. Schließlich erntet man die Früchte eines ganzen Jahres Arbeit. Und eine hektisch veranlasste Lese kann manchmal genau die falsche Entscheidung sein“, sagt er und lässt den Blick über die Rebstöcke schweifen. Einen schöneren Arbeitsplatz als die hoch über der Elbe gelegenen Weinberge von Schloss Proschwitz, mit Blick auf Meißen und die gotische Albrechtsburg vis-à-vis, kann man sich in diesem Augenblick kaum vorstellen.
Unter Walter Becks kritischen Blicken wachsen hier 13 Rebsorten heran, und jede davon reift anders. Alle Rotweinsorten, die Spätlesen und „Großen Gewächse“ werden per Hand geerntet, bei den einfacheren Qualitäten kommen auch Lesemaschinen zum Einsatz. Offensichtlich hat der Winzersohn aus dem südbadischen Kaiserstuhl, den es vor fünf Jahren in die sächsische Provinz verschlug, bisher immer die richtige Entscheidung getroffen, wenn er das Startzeichen gab: Unter den ostdeutschen Anbaugebieten ist Schloss Proschwitz in die Spitzenklasse aufgerückt.
Seit 1996 gehört es zudem, als einziges in Sachsen, dem Verband deutscher Prädikatsweingüter an. Und schaffte es als erstes ostdeutsches Weingut sogar unter die Top 100 des Landes – dank Weinen wie dem im Barrique ausgebauten Grauburgunder, der nach Melone und Speck duftet, oder einem Spätburgunder „Großes Gewächs“ mit Bitterschokolade- und Schwarzkirscharomen. Dem 1999er Spätburgunder bescheinigte der renommierte britische Weinkritiker Stuart Pigott gar begeistert, dass er mit jedem guten französischen Pendant mithalten könne.
Mit diesen Erfolgen knüpft Sachsens ältestes noch existierendes Weingut an bedeutende Traditionen an: Nach der Wende kaufte Georg Prinz zur Lippe das Schloss seiner Ahnen zurück. Bis zur Enteignung der Familie, 1945, galt die barocke Anlage als Stammsitz eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. „Als ich hier Anfang der 90er ankam, waren die Weinbergböden in einem schrecklichen Zustand“, erinnert sich der diplomierte Agraringenieur mit dem leicht ergrauten Haar. „Sie waren durch übermäßigen Gebrauch von Herbiziden steril geworden und enthielten keinerlei Humus.“
Und dabei ist gerade der aus Lößlehm und Granit-Urgestein bestehende Untergrund von besonderem Wert, denn zusammen mit der südlichen Lage der Weinberge und dem günstigen Mikroklima des Elbtals prägt er auf einzigartige Weise die Proschwitzer Erzeugnisse. Inzwischen wird auf dem Gut nach den Richtlinien des kontrolliert umweltschonenden Weinbaus produziert.
Georg Prinz zur Lippe investierte zehn Millionen Euro in die Verwirklichung seines Lebenstraums. Mit seiner Frau und seinem Sohn lebt er heute in einem der restaurierten Gebäude, die zum Schlossensemble gehören. Wenn klassische Konzerte und Tangoabende stattfinden, öffnen sich die Pforten des weitläufigen Geländes auch für Besucher. Ganzjähriger Gästebetrieb herrscht dagegen auf dem rund fünf Kilometer entfernten Weingut in Zadel.
Der über 300 Jahre alte Vierseithof beherbergt nicht nur den hochmodern ausgerüsteten Weinkeller. Auch eine rustikale Vinothek ist dort zu finden. Das benachbarte Gutsrestaurant lädt zu kulinarischen Genüssen ein, die von Proschwitzer Weinen begleitet werden. Und an einem milden Herbstabend sitzt man im Hof bei einem letzten Glas zusammen, bevor die Gäste die Pensionszimmer im Gutshaus beziehen und sich am nächsten Morgen vom Glockenläuten der nahen Dorfkirche wecken lassen.
Walter Beck fühlt sich wohl in der Landschaft über dem Elbtal, sagt er und wirft einen Blick auf die Wolken am Himmel. Bald geht die Zitterpartie wieder los. Mitte September, schätzt er, wird die Weinlese sein. Erst dann kann er sagen, wie der Wein im nächsten Jahr wird. Aber das sei eben gerade das Spannende an seinem Beruf, sagt Beck.
Text: Grit Mocci
Information
Weingut Schloss Proschwitz
Dorfanger 19
01665 Zadel über Meißen
Tel. 03521/767 60
www.schloss-proschwitz.de
Öffnungszeiten:
Vinothek im Weingut tgl. 10 bis 18 Uhr
Restaurant im Weingut Mi bis Fr ab 17 Uhr sowie Sa/So ab 12 Uhr