Helmuth Zozin, Kellermeister der Genossenschafts-Kellerei Kaltern liebt charaktervolle, elegante und bodenbezogene Weine. Internationaler Einheitsgeschmack und bis zur Unkenntlichkeit reduzierte Kraftprotze sind nicht seine Sache: „Man soll die Herkunft eines Weines schmecken. Das Besondere an unseren Lagen und dem Klima ist die Balance zwischen Frucht und Struktur in den Weinen – die deutliche Mineralität und diese Aromenvielfalt, wie sie nur aus dem Wechselspiel dieses spannenden Mikroklimas entstehen können. Das möchte ich im Glas wiederfinden. Dann bin ich zufrieden.“ So wie er denken inzwischen viele seiner Kollegen und produzieren selbst mit internationalen Rebsorten charaktervolle, individuelle Weine. Südtirols rund 5000 Hektar große Rebfläche liegt hauptsächlich im Vinschgau und Etschtal, im Eisacktal und rund um den Kalterer See zwischen Bozen und Tramin. Entsprechend vielfältig sind die Böden und das Mikroklima, das durch die Alpen vor kalten Nordwinden geschützt ist und zudem vom mediterranen Süden profitiert. Die großen Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sorgen darüber hinaus für ein enormes Aromenspektrum. Fast die komplette Anbaufläche hat DOC-Status und liegt damit an erster Stelle der italienischen Anbaugebiete.
Namen wie Lageder, Schreckbichl und Hofstätter, Girlan und Terlan sorgten Mitte der 1980er Jahre für den qualitativen Aufschwung. Viele Genossenschaften zogen nach, und inzwischen dreht eine junge Generation von Winzern weiter an der Erfolgsspirale – und zwar mit Weinen, die in diese Landschaft passen. Bestes Beispiel dafür ist die aus Südtirol stammende Rebsorte Lagrein. Jahrelang wurde aus ihr hauptsächlich „Kretzer“, ein süffiger Rosé, gekeltert. Inzwischen produzieren viele Winzer vor allem in den Tallagen um Bozen und am Kalterer See sortenreine, farbintensive Rotweine daraus – sehr gehaltvoll, gut strukturiert und mit breitem Frucht- und Gewürzspektrum. Ähnliches gilt auch für den Vernatsch, in Deutschland als Trollinger bekannt, der bei den Winzern auf wachsendes Interesse stößt. Dank reduzierter Erträge und moderner Kellertechnik gelingt es ihnen, den ganz eigenen Charakter dieses Weins zu entwickeln, der bestimmt wird von sanften Tanninen und einer delikaten Fruchtigkeit. Merlot und Cabernet Sauvignon werden seit über 100 Jahren in Südtirol angebaut und liefern vor allem in den wärmeren Regionen sehr satte, fruchtige und würzige Weine, die durchaus mit ihren Kollegen aus Frankreich mithalten können. Selbst der Spätburgunder (Pinot nero) – die Diva unter den Rebsorten – läuft an den warmen Berghängen in und um Mazon, in Girlan und im Vinschgau zu großer Form auf.
Auch wenn die roten Rebsorten dominieren, so ist der Südtiroler Weißwein auf dem besten Weg, ebenfalls international Karriere zu machen. Sauvignon blancs aus Südtirol sind nuancenreich, vielschichtig, charaktervoll und verspielt mit kräftiger Säure. Dank bester Wachstumsbedingungen zählen sie heute zu den besten Weißweinen Italiens. Als neue Trendreben gilt der Müller-Thurgau aus den hohen Lagen des Vinschgaus (bis zu 1000 Meter!) und des Eisacktals. Er ist spritzig, dezent-würzig und dabei blumig-duftend. Mengenmäßig spielt jedoch der Weißburgunder (Pinot bianco) die größte Rolle unter den weißen Rebsorten Südtirols. Seit 1870 angebaut, wächst er in allen Regionen und liefert Weine mit viel Schmelz und überraschenden Fruchtaromen. Grauburgunder nimmt den zweiten Platz unter den weißen Sorten ein und ergibt dezent fruchtige, volle Weine. Auch der Chardonnay überrascht durch eine meist frische, säurebetonte Note, die so gar nichts mit den Chardonnays der Neuen Welt zu tun hat. Der Gewürztraminer, der seinen Ursprung nachweislich im Südtiroler Ort Tramin hat, ist an sich schon bekannt für seinen Aromenreichtum. In Südtirol wird er meist trocken ausgebaut und verblüfft durch vielschichtige Düfte exotischer Früchte. Wie gesagt, jede fünfte Flasche von Südtirols Weinen geht in den Export – und es sind leider nicht immer die besten Qualitäten, die in deutschen Regalen landen. Die guten Tropfen trinken die Südtiroler meist selbst. Also: hinfahren und vor Ort probieren! Die Südtiroler Weinstraße misst immerhin 205 Kilometer!
Weitere Infos im Internet unter www.suedtirolerwein.it