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TRINKGESCHICHTE
Rue Bourbon
Foto: Natalia Bratslavsky - Fotolia.com
Zeit für Whiskey
In Lynchburg, Tennessee wird Bourbon-Whiskey noch heute so hergestellt wie vor über 130 Jahren. Nur verkauft und getrunken werden darf er dort nicht …


Kaum ein Mensch würde das kleine Städtchen Lynchburg im Südosten des US-Bundesstaates Tennessee kennen, wenn Jack Daniels hier nicht 1866 als 16-Jähriger einen besonderen Whiskey gebrannt hätte. Auch Miss Mary Bobo’s Boarding House in der Nähe des Marktplatzes würde es wohl nicht mehr geben, wenn da nicht die 250000 Touristen wären, die jedes Jahr die Jack Daniel’s Distillery und das 361-Einwohner-Dorf besuchen. Dort zeigt ihnen Randy Baxter (oder einer der anderen der 20 Führer), wie aus mindestens 51 Prozent Mais, etwas Roggen, Gerstenmalz, Hefe und viel eisenfreiem Wasser aus eigener Quelle langsam Whiskey wird. Stolz zeigt er auf die riesigen Stahlbottiche, in denen aus diesen Zutaten die Maische angesetzt und gekocht wird – sechs Tage lang, dann hat sich der Zucker im Getreide in Alkohol verwandelt. Es riecht ein bisschen wie in einer alten Backstube und ist auch so warm.

„very smooth“

„Call-me-Randy!“ wandert mit dem Besucher-Tross weiter zu den 30 Meter hohen kupfernen Destillationsapparaten, aus denen kristallklarer, 70-prozentiger Alkohol tropft. Whiskey darf sich die Flüssigkeit jedoch erst nennen, wenn sie mindestens zwei Jahre in angekohlten Eichenfässern gelagert hat. In den Fässern erhält der Whiskey auch seine bräunliche Farbe und den süßlichen Geschmack, denn künstliche Farb- und Aromastoffe sind per Gesetz verboten. Wären wir nicht in Tennessee, sondern im Nachbarstaat Kentucky, könnten wir nach der Fasslagerung und Flaschenabfüllung Bourbon trinken. „Nicht so bei Jack Daniel’s“, ruft Randy mit erhobenem Zeigefinger und führt die Besucher in ein anderes Gebäude, in dem große Holzbottiche stehen. Bevor der klare Sprit in Fässer gefüllt wird, tropft er durch eine mehr als 3,5 Meter dicke Holzkohleschicht, was rund zwölf Tage dauert. Die für dieses von Jack Daniel’s patentierte „Charcoal Mellowing“-Verfahren benötigte Holzkohle wird wie vor 130 Jahren aus Ahornbäumen der Region hergestellt. Durch diesen aufwändigen Prozess werden sehr kräftige Aromen herausgefiltert, was den Whiskey „very smooth“ macht, wie Randy mit schwärmerischen Augen betont.

Weiter geht es ins Lager, wo „Jack Daniel’s“ mindestens vier Jahre in Fässern aus amerikanischer Weißeiche lagert. Die Fässer stammen aus der firmeneigenen „Blue Grass Cooperage“, einem der zwei bedeutendsten noch existierenden Fasshersteller Amerikas. Das Ende der Tour ist erreicht, doch probiert werden darf der Whiskey nicht – denn in Lynchburg ist der Konsum von Alkohol verboten.

Älteste und kleinste Destillerie des Landes

Szenenwechsel. Wir befinden uns 201 Kilometer nordwestlich in Woodford County im US-Bundesstaat Kentucky. Hier steht die älteste und kleinste Destillerie des Landes: „Labrot & Graham“, wie Jack Daniel’s im Besitz von Brown-Forman. Auf dem idyllischen Brennerei-Gelände in Versailes wurde nachweislich schon 1812 Whiskey gebrannt – und zwar von Elijah Pepper. Mit viel Geld (rund 7,5 Millionen US-Dollar) und Sorgfalt wurde die alte Brennerei wieder aufgebaut. Seit 1996 produziert Brennmeister Lincoln Henderson hier seinen „Woodford Reserve“, einen unglaublich komplexen und ausgewogenen Kentucky Straight Bourbon Whiskey mit Noten von Vanille und Karamell, Früchten, Butter und Nüssen. 1997 wurde er zum „Whiskey des Jahres“ gekürt und 2000 sowie 2001 zum „Best Bourbon“.

Was ist denn das Geheimnis von „Woodford Reserve“? Henderson gibt 70 Prozent Mais in die Maische, also mehr als die gesetzlich vorgeschriebenen 51 Prozent. Er wählt die Fässer, aus denen abgefüllt wird, sehr sorgfältig aus und verdünnt den Whiskey mit Kalksteinwasser aus der Region. Wie in Lynchburg gehen auch die Uhren in Versailes etwas langsamer. Man lässt sich und dem Whiskey Zeit. Und das bekommt beiden gut.


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