Tief im Süden – Siziliens Weine
Siziliens junge Generation von Winzern befindet sich in Aufbruchstimmung. Nach Jahren billiger Massenweine kommen jetzt die edlen Tropfen auf den Markt.
„Wir befinden uns mitten in einem magischen Moment“, beschreibt Francesco Vesco vom Weingut Cantine Rallo in Marsala die gegenwärtige Situation des sizilianischen Weinbaus. Renommierte Kellereien verschrotten ihre altmodischen Pressen, Fässer und Betontanks und ersetzen diese durch neue Stahltanks und modernste Technologie. Ohne kontrollierte Gärung bei niedrigen Temperaturen von 12° bis 15° C lassen sich keine herausragenden, frischen und fruchtigen Weine machen, zumindest nicht in einer so heißen Region wie Sizilien.
Kommt nur auf Sizilien vor: die rote Traube Nero d’Avola
Obwohl die meisten Weine Siziliens weiß sind, liegt die Hoffnung vieler Winzer in der roten Traube Nero d’Avola, einer autochthonen Rebsorte, die nur auf Sizilien vorkommt. Sie liefert weiche und dennoch robuste, dunkle Weine, die gut altern, vor allem wenn sie kurze Zeit im Barrique lagern. Unter dem Namen „Eloro Pachino“ wird im Südosten der Insel, rund um die Barockstadt Noto, ein exzellenter Nero d’Avola gekeltert, dessen Aromen an Maulbeeren erinnern. Auch der ,,Rosso del Conte“ von Regaleali zeigt, wie wundervoll ein Nero d’Avola sein kann – wenn er behutsam behandelt wird. Obwohl die Rebsorte nur schwerlich in höheren Lagen der Insel reift, gibt es erfolgreiche Anpflanzungen an der Nordküste, wo sie mit Syrah und Merlot gemischt wird.
Feine Struktur und Aromenvielfalt
Vormarsch internationaler Rebsorten und gleichzeitig Rückbesinnung auf die eigenen alten Rebsorten kennzeichnen die Entwicklung des sizilianischen Weinbaus. Der fassvergorene Chardonnay von Planeta oder der Cabernet Sauvignon von Cantine Rallo in Marsala gelten als gute Beispiele für den ersten Trend. Die ausgezeichnete Qualität der eigenen Rebsorten zeigen die lebendigen, jung zu trinkenden Frappato-Weine, wie der hellrote ,,Cerasuolo“ von Vittoria. Im Gegensatz zum Weißwein wird bei den Roten, trotz kontrollierter Gärtemperatur, auf den klassischen Ausbau im großen Holzfass oder kleinen Barrique nicht verzichtet. Das gibt den Weinen eine feinere Struktur, Aromenvielfalt sowie eine längere Haltbarkeit.
Dennoch ist und bleibt Sizilien eine Weißweinregion, und die zumeist angebauten Sorten sind Trebbiano und Catarratto. Sie liefern einerseits so einfache Tischweine wie den ,,Alcamo“, haben in den Händen moderner Önologen aber auch das Potenzial zu etwas Besonderem.
Was wäre Sizilien ohne Marsala?
1796 waren Sherry und Portwein so knapp geworden, dass der Engländer John Woodhouse aus der Not eine Tugend machte und den Wein von der Insel mit Alkohol und Traubensaft aufpeppte und so den Marsala erfand. Heute gehört er zu den weltweit bekanntesten Dessertweinen und darf nur in den Provinzen Palermo, Agrigent und Trapani (mit der namensgebenden Hafenstadt Marsala) aus den Rebsorten Grillo, Cataratto und etwas Inzolia gekeltert werden. Er wäre eigentlich ein sehr trockener Wein, würden ihm nicht während der Gärung hochprozentiger Alkohol und eingedickter Traubensaft zugegeben werden. Das verleiht ihm einerseits die Süße und das unverkennbare Aroma, sorgt aber auch für den hohen Alkoholgehalt von 17 bis 20 Volumprozent.
Man unterscheidet fünf Arten von Marsala: Fine (voll, leicht und bitter) muss mit 17 Vol.-% mindestens ein Jahr im Fass lagern, Superiore (süß) mit 18 Vol.-% zwei Jahre und Superiore Riserva mit ebenfalls 18 Vol.-% mindestens vier Jahre. Der nach dem Sherry-Verfahren hergestellte Marsala Vergine (oder Solera) darf erst nach mindestens fünf Jahren Fassreife in Flaschen abgefüllt werden, der Marsala Vergine Riserva sogar erst nach zehn Jahren. Das Ergebnis ist ein ungemein aromareicher, subtiler Wein, der zur Aromatisierung von Saucen eigentlich viel zu schade ist.