Die Weine der Loire
Jahrhundertelang hat das milde Tal der Loire Könige und ihre Mätressen, Künstler und Herzöge magisch angezogen. Entlang dem meist gemächlich dahindümpelnden Fluss haben sie Burgen, Kirchen, Schlösser und Herrensitze errichten lassen, die dem jeweiligen Ideal von Harmonie und Zivilisation entsprachen – umgeben von fruchtbaren Äckern, Wiesen und Weinbergen.
'Wein der Intellektuellen''
Wir beginnen unseren Ausflug in das Tal der Loire – wie seit Jahrhunderten üblich – in Paris. In 80 Minuten bringt uns der Hochgeschwindigkeitszug TGV vom Pariser Flughafen Charles de Gaulle nach Tours, ins Herz der Region. In der Gegend um Tours, der Touraine, liegen zahlreiche renommierte Weinbaugebiete wie Vouvray, Montlouis und Touraine. In Montlouis und Vouvray dominiert die weiße Rebsorte Chenin (hier Pineau de Loire genannt). Aus ihr werden trockene und halbtrockene Weißweine, aber auch prickelnde Schaumweine gekeltert. Oder edelsüße Weißweine, die ohne weiteres ein Menschenleben überdauern und von Jahr zu Jahr besser werden, wie die edlen Tropfen der Domaine Huet eindrucksvoll beweisen. In den fünf Appellationen von Touraine ist das Rebenspektrum reichhaltiger, aber nicht unbedingt haltbarer: Chenin, Sauvignon Blanc, Pinot Gris und Chardonnay bei den Weißen, Gamay, Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Malbec, Pinot Meunier, Pinot noir und Pineau d’Aunis (auch Grolleau genannt) bei den Roten. Angesichts der zahlreichen Leckereien ist es kein Wunder, dass der französische Dichter Rabelais (1494–1553) ausgerechnet in Chinon zu der fantastischen Lebensgeschichte des überaus gefräßigen und trinkfesten Riesen Gargantua inspiriert wurde. Der Rotwein aus Chinon beflügelte schon den 1799 in Tours geborenen Dichter Honoré de Balzac. Rabelais schwärmte von der dive bouteille, dem „göttlichen Rebensaft“, und der französische Schriftsteller Jules Romains (1885–1972) nannte ihn den „Wein der Intellektuellen“.
Für besondere Stunden
Zur Weinprobe sind wir in der Domaine Couly-Dutheil in Chinon verabredet. Das Familienunternehmen betreibt seit 1921 Weinbau, nunmehr in der vierten Generation. Rund 20 verschiedene Weine umfasst das Sortiment, wir beschränken uns auf fünf: Les Gravières – ein leichtes, fruchtiges Weißwein-Cuvée mit Aromen von grünen Äpfeln und Zitrusfrüchten. Le Rosé René Couly – ein herrlich frischer, fruchtiger Rosé ohne jegliche Klebrigkeit. Le Domaine René Couly – ein leichter, aber dennoch komplexer Rotwein. Clos de l’Echo – ein sehr körperreicher, kräftiger Rotwein, voll Harmonie und Würze. Und La Baronnie Madeleine – elegant, üppig, komplex, voller Sinnlichkeit – ein Wein für besondere Stunden. Davon müssen wir eine Kiste mitnehmen, auch wenn der Wein zu Hause niemals so schmecken wird wie hier … Die Weinbauregion Valençay (V.D.Q.S.) über den sanften Hügeln des Flusses Cher bietet Rot- und Roséweine aus Gamay-, Cot- und Cabernet-Sauvignon-Reben voller Harmonie und Kraft sowie erfrischende, fruchtbetonte und mineralische Weißweine, vorwiegend aus Sauvignon-blanc- und Chardonnay-Reben. Ein schönes Beispiel sind die Weine der Domaine Earl Hubert et Olivier Sinson in Meusnes, die mit ihren im Stahltank ausgebauten, sortenreinen Weinen und auch ihren Cuvée-Weinen das ganze Spektrum der Region abdecken.
Für Weinliebhaber
Der Name Sancerre lässt das Herz eines jeden Weinliebhabers höher schlagen, steht er doch für äußerst komplexe, lebhafte und vollfruchtige Weißweine aus Sauvignon blanc – die in Deutschland nicht gerade billig sind, aber vor Ort durchaus erschwinglich. Wer Sancerre, übrigens seit 1936 eine der ältesten A.O.C.-Regionen Frankreichs, auf Weißwein beschränkt, tut ihr Unrecht, denn von dort kommen auch exzellente Rosé- und Rotweine aus Pinot-noir-Reben – das Burgund ist nicht weit! Ein gutes Beispiel für das aufregende Spektrum der Sancerre-Weine aus unterschiedlichen Terroirs liefert die Domaine Paul Prieur & Fils in Verdigny: Weiß 2002 – kräftige Säure und dennoch schlank, deutliche mineralische und florale Noten mit Aromen von Zitrusfrüchten. Rosé 2002 – sehr schönes Spiel von Frucht und Säure, Aromen von Pfirsich und Lakritz, ohne Restzucker. Rot 2002 – Aromen von schwarzen Johannisbeeren und Kirschen, schön eingebundene, weiche Tannine, elegant und leicht. Östlich von Sancerre liegt eine ebenso kleine wie feine Weinregion, deren Weißwein so typisch ist, dass er wohl als einmalig gilt: Pouilly-Fumé mit seinem unverkennbaren Geruch von Feuerstein, Blumen und frischem Spargel.
Weitere Informationen: Maison de la France, Zeppelinallee 37, 60325 Frankfurt, Tel. 069/745556,
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