Wein vom Bodensee
Seewein nennen die Einheimischen liebevoll ihre besten Tropfen von Spätburgunder und Müller-Thurgau. Deutschlands südlichste Weinanbauregion hat sich dabei längst aus dem Schatten eines Geheimtipps heraus entwickelt.
Sonne satt!
Strenge Weingesetze sowie Angebot und Nachfrage sorgen für Qualität. Und eben diese verdankt der Bodenseewein – neben der Arbeit seiner Winzer – dem besonderen Klima und Boden, also dem, was die Franzosen Terroir nennen. Als südlichstes deutsches Anbaugebiet erhält die Region mehr Sonne als alle anderen Weinregionen im Land. Zudem reflektiert der See die Sonnenstrahlen und sorgt so für zusätzliche Wärme. Vor allem die Steilhänge am Nordufer zwischen Überlingen und Immenstaad profitieren von diesem Effekt. Die unterschiedliche Erwärmung der Luft über dem See und dem Land sorgt für eine konstante Bewegung, wodurch die Reben im Sommer gekühlt und im Herbst erwärmt werden. Der nährstoffreiche Boden stammt aus Endmoränen der letzten Eiszeit. Die Winzer sprechen gern von der „fetten“ Erde, die zu 50 Prozent aus sandigem Lehm und zu 50 Prozent aus lehmigem Sand besteht. Im Gegensatz zu den Steilhängen am See besteht der Hohentwiel, mit 688 Metern Deutschlands höchstes Weinanbaugebiet, aus Vulkangestein.
Tolle Sommerweine!
Berühmt geworden ist der Bodensee in erster Linie durch seine Seeweine – den weißen Müller-Thurgau und den roten Spätburgunder. Von den ungefähr 537 Hektar Rebfläche sind 46 Prozent mit Spätburgunder und 34 Prozent mit Müller-Thurgau bepflanzt. Während der rote Burgunder schon seit dem 10. Jahrhundert angebaut wird, ist der Müller-Thurgau dagegen noch verhältnismäßig jung. Er wurde erstmals im Jahr 1926 am Wasserschloss Kirchberg gepflanzt. Die Rebsorte hatte damals der Schweizer Rebforscher Professor Hermann Müller (1850– 1927) aus dem Kanton Thurgau am südöstlichen Ufer des Bodensees aus Riesling- und Gutedel-Trauben gezüchtet. „Klasse statt Masse“ lautet heute die Devise der Bodenseewinzer beim Müller-Thurgau. Allesamt präsentieren sie einen fruchtig rassigen Jungwein mit spritziger, feingliedriger Säure – einfach ideal für den Sommer! Neben exotischen Fruchtaromen kennzeichnen ihn Noten von grünen Äpfeln, Grapefruit und Zitrus.
Das "badische Meer"
Der Spätburgunder hingegen ist erdig und mineralisch – ein Wein mit Kraft und Fülle, der vor allem an den sonnenverwöhnten Steilhängen vorzügliche Tropfen hervorbringt. Ausgewogene Gerbstoffe werden von feinen Fruchtaromen umspielt, die das ganze Spektrum von Himbeere, Kirsche, roter und schwarzer Johannisbeere bis hin zur Brombeere widerspiegeln. Obwohl etwa 80 Prozent der Rebfläche am Bodensee von Müller-Thurgau und Spätburgunder bedeckt sind, gedeihen auch andere Rebsorten am „badischen Meer“. Zum Beispiel der Kerner, wegen seiner rassigen Säure auch „Riesling des Bodensees“ genannt. In ihm finden sich Aromen von Birnen, grünen Äpfeln, Aprikosen und manchmal ein Hauch Muskat. Seit rund 15 Jahren wird am Bodensee verstärkt Weißburgunder angebaut, der ebenfalls sehr rassige Weine hervorbringt, in denen sich die Aromen von Zitronen, Aprikosen, Bananen und Karamell spiegeln.
Wenn das Herz leuchten soll ...
Wenn das Herz leuchten soll, so ein badisches Sprichwort, soll man Ruländer trinken. Die in Frankreich Pinot gris genannte Rebsorte aus der Burgunderfamilie ergibt tiefgoldene bis kupferrötliche, feurige, kräftige Weine. Vor allem die hochwertigen Spät- und Auslesen sind gekennzeichnet durch einen deutlichen Botrytis-Ton. Da so vollmundige und ausdrucksstarke Ruländer aber immer weniger gefragt sind, kam der Kellermeister der Winzergenossenschaft Bikkensohl auf die nahe liegende Idee, den Wein zu verjüngen, das heißt die Trauben vor dem Botrytis-Befall zu ernten, trocken auszubauen und unter seinem eigentlichen Namen Grauburgunder zu vermarkten. Dieser schlanke, rassige, spritzige und säurebetonte Wein besticht durch Aromen von Ananas, Grapefruit, Birne und Honig. Er fand reißenden Absatz – auch als idealer Begleiter von gebratenem (Bodensee-)Fisch.