Weinregion Nahe – klein, aber fein
Die Weine der Nahe sind weder laut noch leise, heißt es. Das stimmt. Sie unterscheiden sich deutlich von Weinen anderer deutscher Anbaugebiete und überraschen immer wieder durch Facettenreichtum, vor allem beim Riesling.
Auch wenn bereits die Römer an der Nahe Wein anbauten, wurde die Region zwischen Bingen im Norden, Martinstein im Osten und Bayerfeld-Steckweiler im Süden erst 1971 zum eigenständigen Anbaugebiet. Die Nahe-Region bietet auf knapp 4120 Hektar Rebfläche (2005) vorzügliche Bedingungen für exzellente, fruchtige und reintönige Weine: Milde Temperaturen und viel Sonne bieten ein hervorragendes Klima für Rebsorten wie Riesling (wird auf 25,2 % der Fläche angebaut), Müller-Thurgau (13,9 %), Silvaner und Bacchus. Spielarten des Burgunders sowie Rivaner, Kerner, Scheurebe, Portugieser und Dornfelder (11,3 %) runden das Weinangebot der Nahe ab.
Die Erde bestimmt den Geschmack
Ursache für die Vielgestaltigkeit ist eine bewegte Erdgeschichte. Durch vulkanische Beben beim Einbruch des Nahe-Grabens wurde in Jahrmillionen der Untergrund ständig durchgeschüttelt. Oft ändert sich alle hundert Meter der Boden, und jede dieser Formationen verändert den Geschmack des Weins. Die nördlichen Weinberge sind gekennzeichnet von Schiefer und Grauwacker. Aus der dort ansässigen Großlage Schloßkapelle nordöstlich von Bingen kommen rassige und spritzige Weine mit einer oftmals markanten Säure. Roter Tonschiefer dominiert die Böden westlich und nördlich der mittleren Nahe und liefert sehr blumige Weine mit dezenter Säure. Zwischen Bad Münster und Schloßböckelheim hat der wasserdurchlässige vulkanische Boden seine Spuren im Wein hinterlassen: Finesse, feine mineralische Noten und eine ausgeprägte Würze – manche sagen: Feuer – bestimmen den Geschmack.
Höchster Steilhang Europas
Oberhalb der Nahe-Schleife bei Bad Münster befindet sich der wohl höchste Steilhang Europas nördlich der Alpen – der 200 Meter hohe Rotenfels. An seinem Fuß, auf einer breiten Geröllschicht, liegt eine der berühmtesten Lagen der Nahe: die Traiser Bastei, eine der kleinsten Einzellagen Deutschlands. Etwas weiter westlich befindet sich eine weitere berühmte Lage: die Niederhäuser Hermannshöhle. Erstmals wurde sie 1901 bei der Klassifizierung der Nahe-Weinberge durch den königlich-preußischen Landvermesser erwähnt. Die damalige Regierung ließ dann die von Gebüsch überzogenen Hänge und alten Kupferminen abräumen, um neue Domänen zu errichten, u. a. die Weinbergterrassen der Schloßböckelheimer Kupfergrube.
Kreative Winzer
Doch was wären Boden und Klima ohne die Kreativität der Winzer? Abgesehen von einigen großen renommierten Weingütern wie die Gutsverwaltung Niederhausen-Schlossböckelheim mit 34 Hektar Rebfläche, prägen in erster Linie mittelständische Familienbetriebe das Weingeschehen an der Nahe. Winzergenossenschaften spielen kaum eine Rolle, auch wenn ihr Anteil 20 Prozent an der gesamten Produktion beträgt. Wenn über Winzerpersönlichkeiten an der Nahe gesprochen wird, fällt Weinkennern immer zuerst der Name Dönnhoff ein, früher Hermann, heute sein Sohn Helmut. Zu Recht, denn der sympathische und bescheidene Winzer aus Oberhausen im Südwesten der Nahe zählt mit seinen Rieslingen, Weiß- und Grauburgundern aus den Toplagen Oberhäuser Brücke, Niederhäuser Hermannshöhle, Schloßböckelheimer Felsenberg und Schloßböckelheimer Kupfergrube zur internationalen Spitzenklasse. Schonende Bearbeitung der Rebstöcke während der gesamten Wachstumsperiode, selektive Handlese der Trauben und traditioneller Ausbau in großen Eichenfässern liefern eine ganze Bandbreite an exzellenten Weinen, vom herzhaften fruchtig-leichten Gutsriesling bis zum sensationellen Riesling-Eiswein, von dem es nur sehr kleine Mengen gibt, die auf einer Veranstaltung der VDP-Nahe-Weingüter versteigert werden.
Traumhafte Auszeichnungen
Während Helmut Dönnhoff schon 1999 von der Zeitschrift „Der Feinschmecker“ zum „Winzer des Jahres“ gekürt wurde, erhielt sein Kollege und Fast-Nachbar Werner Schönleber vom Weingut Emrich-Schönleber in Monzingen vom „Gault Millau“ 2004 die Auszeichnung „Kollektion des Jahres“ und 2006 die Auszeichnung „Winzer des Jahres“. Auf 75 Prozent der 14,5 Hektar großen Rebfläche baut er Riesling an, der bei ihm besonders fein, mit floralen und mineralischen Noten ausfällt. Auch seine Palette reicht vom einfachen, fruchtig-trockenen Gutsriesling bis zum Riesling Eiswein Goldkapsel, der in diesem Jahr vom „Gault Millau“ die Traumpunktzahl 100 erhalten hat und ebenfalls nur über eine Versteigerung erhältlich ist.
Weinproben vor Ort
Seit Jahren gehört auch das Weingut Dr. Peter Crusius in Traisen bei Bad Münster zu den besten Adressen der Region. Auch er hat 70 Prozent seiner 15 Hektar Rebfläche mit Riesling bepflanzt. Hinzu kommen einige Parzellen mit Müller-Thurgau, Weiß- und Spätburgunder. Seinen Ruhm verdankt er jedoch zweifelsohne den ungemein stofflichen Rieslingen aus den Lagen Traiser Rotenfels und Traiser Bastei, die mit viel Fülle und Ausdruck aufwarten. Seit 1802 ist Burg Layen bei Rümmelsheim im Besitz der Familie Diel. Heute bewirtschaftet der Weinautor, VDP-Vorsitzende an der Nahe und Mitbegründer des Deutschen Barrique Forums Armin Diel rund 16 Hektar, auf denen Riesling (65 %), Grau-, Weiß- und ein wenig Spätburgunder wachsen. Burgunder baut er im Barrique aus, Riesling im Edelstahltank und Stückfass. Es gäbe noch sehr viel mehr über die engagierten Nahe-Winzer wie Tim Fröhlich (Weingut Schäfer-Fröhlich, Bockenau) oder Hartmut und Dr. Martin Tesch (Weingut Tesch, Langenlonsheim) zu sagen. Am schönsten ist es jedoch, wenn man sie vor Ort besucht und dort ihre Weine probiert.